Keine 50 Meter weit läuft die Demonstration, im vorderen Teil ein schwarzer, vermummter Block. Es ist Samstag Nachmittag im Hamburger Schanzenviertel. Wer weiter hinten in der großen Menschenmenge steht, ist noch gar nicht losgelaufen, als die Demonstranten an der Spitze anhalten. Sofort und ohne Vorwarnung spuckt der Wasserwerfer, das Pfefferspray erschwert auch noch 100 Meter hinter der Demonstrationsspitze das Atmen. Die Lage eskaliert: Autonome werfen Flaschen, Steine und Feuerwerkskörper auf die Polizei. Es sind die schwersten Krawalle, die Hamburg seit Jahren erlebt hat. 

Durch die Eskalation an der Spitze gehen die Forderungen der Demonstranten beinahe unter: Sie demonstrieren für das Bleiberecht der Flüchtlinge aus Lampedusa, die seit Monaten bestimmendes Thema in der Hamburger Lokalpolitik sind. Andere halten Schilder hoch, die den Fortbestand der Esso-Häuser und der besetzten Roten Flora fordern. Weiter hinten wird außerdem deutlich, dass viele Menschen außerhalb der linken Szene dem Aufruf zur Demonstration gefolgt sind. Die Polizei zählt 7.600 Demonstranten, die Veranstalter mehr als 10.000. Vorher waren etwa 6.000 Menschen erwartet worden.

Während die Straßenschlacht tobt, stehen die Demonstranten auf der Straße und frieren, die Mehrheit von ihnen ist an der Randale nicht beteiligt. Die Polizei hat die Nebenstraßen mittlerweile abgeriegelt und die Demonstranten eingekesselt. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Über der Menge kreist ein Helikopter der Polizei, auf der Straße gibt es immer wieder Rufe nach Sanitätern.

Ein Polizeisprecher sagt nach der Demonstration, dass 120 von mehr als 3.000 eingesetzten Polizisten verletzt worden seien, 18 von ihnen wurden im Krankenhaus behandelt. Nach Angaben des Ermittlungsausschusses, einer linken Organisation, seien 500 Demonstranten verletzt worden, 20 davon schwer. Feuerwehr und Polizei gaben keine keine Zahl für die verletzten Aktivisten an, allerdings gab es 66 Rettungseinsätze, sowohl für verletzte Demonstranten als auch für Polizisten. Die Polizei nahm insgesamt 21 Personen fest. 320 Demonstranten seien in Gewahrsam genommen und dann wieder freigelassen worden. Auch zwei Journalisten wurden von der Polizei attackiert.

Wer hat angefangen?

Nach der Demo stellte sich die Frage: Wer hat angefangen? Und wie so häufig gibt es viele Versionen: Die Polizei rechtfertigt den frühen Abbruch der angemeldeten Demonstration damit, dass die Polizei schon zu Beginn mit Steinen und Flaschen attackiert worden sei. Die Organisatoren werfen der Polizei wiederum vor, sie hätten die Demonstration überhaupt nicht losziehen lassen und kritisieren den überzogenen Einsatz von Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray. Auch Christiane Schneider von der Bürgerschaftsfraktion der Linken kritisiert die Taktik der Polizei und wirft ihr vor, zur Eskalation beigetragen zu haben.

Auch wenn die Demonstration kurz nach Beginn der Krawalle gespalten ist, in einen schwarzen Block und eine abwartende Menge, hält man nach außen hin zusammen: "Die Polizei hat mit Gewalt Gewalt erzeugt und wollte keine Demonstration", schallt es aus den Lautsprechern der Aktivisten. Auch im Internet wird bereits während der Demonstration der Schuldige gesucht: Videos zeigen, wie die Polizei die Demonstration gleich zu Beginn mit Schlagstöcken stoppt, fliegende Gegenstände sind dabei nicht zu sehen. Allerdings gibt es auch Berichte, dass Autonome von der Eisenbahnbrücke Steine auf die Polizei geworfen haben. 

Vermutlich ist die Frage, wer angefangen hat, sowieso unerheblich:

Am frühen Abend löst sich die Menschenmenge vor der Roten Flora auf, der ADAC hebt ein zerstörtes Auto auf den Abschleppwagen, eine Gehwegplatte hat die Windschutzscheibe gespalten.  Viele Demonstranten ziehen weiter und demonstrieren in der Innenstadt, auf der Reeperbahn und vor den Esso-Häusern. Es gibt brennende Barrikaden und Pfefferspray, aber auch friedliche Versammlungen. Das Rotlichtviertel St. Pauli wird für einen Abend in Blaulicht getaucht. Auf der Reeperbahn mischen sich Demonstranten, Partypublikum und Fußballfans, eine explosive Mischung.

Bei jedem Schritt über das Kopfsteinpflaster knacken die Glasscherben, auf der Straße sammeln sich Pfützen von den Wasserwerfern. Der Verkäufer in der Currywurstbude gegenüber der Roten Flora zuckt mit den Schultern, er hat heute ein gutes Geschäft gemacht. "Brot und Spiele!", sagt er. Hamburg erlebte am Samstag eine gezielte Provokation.