Trotz guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosigkeit nimmt die Armut in Deutschland weiter zu. Das ist das Ergebnis des Berichts zur regionalen Armutsentwicklung 2013, den der Paritätische Wohlfahrtsverband in Berlin vorgelegt hat. Jeder siebte Haushalt gilt demnach als arm oder armutsgefährdet – die Armutsquote liegt dem 3. Armutsbericht zufolge bei 15,2 Prozent. Sie ist seit 2006 fast kontinuierlich gestiegen. 

Obwohl die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken ist und weiterhin abnimmt, dreht sich dieser Trend nicht um. Die Experten des Wohlfahrtsverbandes machen dafür die "Amerikanisierung des Arbeitsmarkts" verantwortlich: Schlecht bezahlte und unsichere Jobs nehmen zu, führen aber nicht zu einem ausreichenden Einkommen.

"Sämtliche positive Trends aus den letzten Jahren sind zum  Stillstand gekommen oder haben sich gedreht", sagte Ulrich Schneider,  Hauptgeschäftsführer des Verbandes. "Die Kluft zwischen bundesdeutschen Wohlstandsregionen auf der einen und Armutsregionen auf der anderen Seite wächst stetig und deutlich." Deutschland sei noch nie so gespalten gewesen wie heute.

Die Armut betrifft in Deutschland ganze Regionen. In Mecklenburg-Vorpommern und Bremen etwa, die beiden letztplatzierten Länder, stieg die Armutsquote 2012 und liegt nun bei 22,9 und 23,1 Prozent. Reiche Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg hingegen werden immer wohlhabender: Im Süden des Landes sinkt dem Bericht zufolge die Quote weiter und liegt mit 11,1 (Bayern) bzw. 11,2 Prozent (Baden-Württemberg) deutlich unter dem Durchschnitt. Damit sind in den abgehängten Ländern mehr als doppelt so viele Menschen arm wie in den wohlhabenden Bundesländern. 

Nationale Armutskonferenz ist alarmiert

Problemregion Nummer 1 bleibe das Ruhrgebiet mit seinen fünf Millionen Einwohnern und verschuldeten Großstädten, heißt es in dem Bericht, wenn auch der Negativtrend in Nordrhein-Westfalen insgesamt gestoppt sei. Zum ersten Mal seit 2006 sei die Armut in dem bevölkerungsreichsten Bundesland im Vergleich zum Vorjahr nicht weiter gestiegen.

Die Nationale Armutskonferenz (nak) bewertet die Befunde als alarmierend. "Der Bericht zeigt, dass wir in Deutschland weiter von einer chancengerechten Gesellschaft entfernt sind, als je zuvor", sagte Sprecher Joachim Speicher. Die nak wurde als deutsche Sektion des Europäischen Armutsnetzwerks gegründet. Zur Bekämpfung der Armut legte die Organisation einen Sechs-Punkte-Katalog vor. Darin fordert die nak unter anderem eine bedarfsgerechte Erhöhung der Regelsätze, Beschäftigungsangebote für Langzeitarbeitslose und eine Stärkung des sozialen Wohnungsbaus.

Als arm gilt in Deutschland, wer als Single weniger als 869 Euro im Monat zur Verfügung hat. Für ein Paar mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 1.826 Euro. Das entspricht 60 Prozent des mittleren Einkommens, bezogen auf die Menschen, die davon leben müssen. Die Armutsschwelle wird EU-weit einheitlich berechnet, liegt aber in jedem Land woanders, da sie sich am allgemeinen Wohlstand orientiert.

Die Ergebnisse beruhen auf dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes.