Ich bin Berliner, Wahlberliner sogar, und stolz darauf.

Wir Berliner haben unsere Fehler. Wir haben unsere Vorurteile. Wir haben unsere Selbsttäuschungen. All das gebe ich gern zu. Aber manche Vorurteile, so grausam sie auch klingen, stimmen einfach.

Zum Beispiel die Sache mit den Schwaben. Wir mögen keine Schwaben. Was sie hier machen, wissen wir nicht und wollen es nicht wissen, wir wünschten, sie würden wieder nach Hause gehen. Kann sein, dass das ein Vorurteil ist, aber wir haben unsere Gründe.

Einer dieser Gründe ist der baden-württembergische Finanzminister Nils Schmid.

Nils Schmid ist Schwabe. Sogar Wahlschwabe. Stellen Sie sich das vor! Er wurde nicht per Geburt dazu verdammt, Schwabe zu sein, sondern ist von Rheinland-Pfalz dahin gezogen – freiwillig. Vergangene Woche hat Nils Schmid gefordert, Berlin aus dem Länderfinanzausgleich rauszuschmeißen, weil die Stadt ein Schmarotzer sei.

Naja, das Wort Schmarotzer hat er nicht benutzt, doch wir stolzen Hauptstädter wissen ganz genau, was er gedacht hat. Wir wissen auch, dass da was dran ist. Ja, auch das gebe ich zu: Wir sind Schmarotzer.

Wir nehmen deutlich mehr aus dem Länderfinanzausgleichstopf als jedes andere Bundesland. Allein 2,7 Milliarden Euro in den ersten neun Monaten dieses Jahres. Wow! Damit könnte ein anderes Bundesland gleich mehrere Flughäfen bauen! Der zweitgrößte Nehmer, Sachsen, hat nur lumpige 0,7 Milliarden bekommen, und das bei fast einem Viertel mehr Einwohnern. Wie machen diese Sachsen das nur? Der Aufbau Berlin scheint mittlerweile dringlicher zu sein als der Aufbau Ost.

Die Tradition aus der Zeit der Mauer, als Berlin eine Insel war und der Bund uns Geld in den Rachen gestopft hat, damit wir eine Art menschliches Schutzschild gegen den Kommunismus bilden, sitzt tief. Wer von Berlin nach Stuttgart, München oder Frankfurt fliegt, sitzt umgeben von glattrasierten Menschen in Anzügen. Wer aber von Stuttgart, München oder Frankfurt nach Berlin zurückfliegt, sitzt umringt von kumpelhaften Typen in Jeans und mit Vollbärten.

Wir sind nicht mal eine echte Weltstadt, auch das muss ich zugeben. Die Atmosphäre in anderen Weltstädten – London, Paris, New York – ist lebendig, elektrisierend, ja nachgerade hektisch. Man wird von einer Welle der Aufregung, der Begeisterung, des Tatendrangs fortgeschwemmt und ist selbst als popliger Tourist stolz, kurzzeitig ein Pariser, Londoner, New Yorker zu sein. Eine echte Weltstadt zieht das geistige Potenzial eines Landes an wie ein Magnet, und wer dort erfolgreich ist, wird auch belohnt. Deshalb haben die New Yorker so viel Hunger und so wenig Geduld: Man kommt dorthin, weil man ein Bühnenstück aufführen, den großen Roman schreiben und gleich noch die Welt revolutionieren will und weiß, hier kann man es auch wirklich.

Nach Berlin kommt man, weil die Mieten billig sind. Das Bier auch. (Der Wein ist teuer, aber wer trinkt den schon hier?) Wer insgeheim glaubt, dass er mit seiner Kunst nie gutes Geld verdienen wird, weil er sich nicht korrumpieren lässt, dass sein großer Roman sich nie verkauft, weil er viel zu intellektuell ist, aber hey, was soll’s, der kommt nach Berlin.

Das allgemeine Lebensgefühl der Hauptstadt hat einen Hauch von Schmarotzertum, von Ambition auf Halbflamme, von "If I can make it in Berlin, I probably can't make it anywhere else". All das ist nicht gerade ruhmreich und das wissen wir auch. Es ist uns selbst zuweilen peinlich. Nur: Wir sind noch nicht fertig.

Denn auch wenn die Schwaben es nicht wissen, verbringen wir Berliner ein Wunder. Wir arbeiten Tag und Nacht daran, Berlin nicht nur zu einer echten Weltstadt zu machen, sondern zu der coolsten Weltstadt überhaupt.

Schon jetzt gilt Berlin international als die coolste Stadt der Welt, zum Teil, weil die Leute hier gut rumhängen können, also, weil die Mieten niedrig sind und das Bier billig. Gleichzeitig bauen wir ganz langsam, mit Hilfe der Subventionen, eine Wirtschaft auf – eine ganz eigene Wirtschaft, die mehr als anderswo auf den modernsten Wirtschaftszweigen der Welt basiert: Entertainment und Internet.

Schon jetzt macht der Kreativ- und Computersektor rund 15 Prozent des Berliner Gesamtumsatzes aus. Naja, das hat teilweise damit zu tun, dass der Gesamtumsatz so niedrig ist, trotzdem ist das mehr als in den meisten anderen Städten Deutschlands.

Deutschland leidet bekanntlich unter dem Ruf, dass es traditionell ein wenig hinter der Zeit herhinkt. Da ist was dran: In Zeiten von Kommunikation und Dienstleistung ist Deutschland immer noch auf Autobau fixiert. Wohlgemerkt, Autos, die man selber fahren muss. Hallo?

Berlin aber geht einen anderen Weg. Der Weg ist noch lange nicht klar und er macht viele Schlenker, aber er ist ein moderner Weg. Dabei ist es von Vorteil, dass die Hauptstadt keine alten wirtschaftlichen Strukturen hat, auf die sie bauen kann, denn wir müssen nagelneue erfinden. In den letzten Jahren sind die Berliner sichtbar internationaler, selbstbewusster und fantasievoller geworden. Das wird sich auszahlen – nicht nächstes Jahr, aber in einigen Jahren, vielleicht auch erst in einigen Generationen. Aber es wird sich auszahlen.

Deshalb lohnt es sich auch für das übrige Deutschland, weiter in Berlin zu investieren, denn eine Weltmacht wie Deutschland braucht eine Weltstadt, über die man spricht. Das kann ein schwäbischer Autobauer nicht verstehen, muss er auch nicht – er ist das Deutschland von Gestern. Berlin ist das Deutschland von morgen.

Oder sagen wir: auf dem besten Weg dorthin.