Seine Zuneigung hat er öffentlich bekundet. Zunächst zwar anonym, doch schnell wurde bekannt, dass es just der Innensenator war, der sich hinter den den Autoren verbergenden drei Sternen verbarg. Die kritische Liebeserklärung an Hamburg, die Helmut Schmidt vor mehr als 50 Jahren in seinem "Brief an gute Freunde" in der Welt verfasste, hat er seither in vielen Reden, Texten und persönlichen Gesprächen variiert.

Ohne Spannungen und Enttäuschungen, träumerisch gar, war diese Beziehung nie. Wie hätte das auch sein können bei einem Mann, der durch und durch vom hamburgischen Geist imprägniert ist? Der Genius Loci dieser Stadt steht nun einmal für eine Nüchternheit, die Wogen allenfalls auf der Elbe, nicht aber bei Gefühlen zulässt.

Die enge Bindung an seine Vaterstadt ist deshalb bemerkenswert, weil Helmut Schmidt doch eigentlich in der Welt zu Hause ist. Hätte er seine heimatlichen Wurzeln vernachlässigt, wäre das jedenfalls nicht verwunderlich gewesen. Als Bundeskanzler und noch intensiver als Privatmann und Publizist legte er Wert darauf, seine persönlichen Kontakte in die Metropolen der Weltpolitik zu pflegen. Er wollte darüber informiert sein, wie seine internationalen Freunde und Vertrauten die Lage in ihren Ländern oder den Zustand auf dem Globus beurteilten. Selbst sein hohes Alter hat ihn nicht daran hindern können, seinen Wissensstand in Gesprächen in China und Japan, in Moskau, Singapur und Nordamerika aufzufrischen.

Sein Interesse am internationalen Geschehen passt zu seiner Heimatstadt. Denn Weltoffenheit gilt als eine der Eigenschaften der Hanseaten. Für Helmut Schmidt ist "der Blick nach Übersee, über den Atlantik, den Pazifik und den Indischen Ozean" eine beinahe schon konstitutive Ausrichtung seiner Landsleute. Eine globale Perspektive räumt er nicht mehr nur "wie vor fünfzig Jahren Reedern, Schiffsbauern und Kaufleuten" ein. Heute, im vielleicht etwas verklärenden Licht seiner 95 Jahre, schreibt er diesen Weitwinkel auch "dem Arbeiter auf der Airbus-Werft in Finkenwerder oder dem bei Beiersdorf  ebenso zu wie den Angestellten in der City".

Andere den Hanseaten attestierten Tugenden hält er ebenfalls für quicklebendig. In "Toleranz, Liberalität und republikanischer Gesinnung" sieht er weiterhin Eckpfeiler des hamburgischen Selbstverständnisses. Ihm selbst, dem Jungen aus einfachen Verhältnissen im Stadtteil Barmbek, wird schon früh Bescheidenheit, auch die öffentlich zur Schau getragene persönliche Bescheidenheit, als eine besondere lokale Wesensart anerzogen worden sein.

Neben dem Komment der Stadt hat die Lichtwarkschule – diese Tatsache würdigt der Lehrersohn bis heute – einen nachhaltigen Einfluss auf seine persönliche Entwicklung genommen. Sie gilt noch immer als eines der herausragenden Beispiele für die progressive Hamburger Schulpolitik in den zwanziger Jahren. Die Schule hat ihm nicht nur die Freundschaft mit seiner späteren Frau Loki beschert, ihn selbständig und kritisch zu denken gelehrt, sondern ihn auch an die Kunst herangeführt. Wenn der früher häufig als "Macher" diskreditierte Politiker ein durchaus musischer Mensch ist, wenn die Musik, die Malerei, die Architektur zu seinem Leben gehören, dann ist das nicht zuletzt auf die Jahre in der Lichtwarkschule zurückzuführen.

95. Geburtstag Helmut Schmidt - "Ich bewundere ihn wegen seiner Arbeitsleistung" Helmut Schmidt feierte am 23. Dezember 2013 seinen 95. Geburtstag. Der ehemalige Chefredakteur der ZEIT, Theo Sommer, erinnerte sich an seine erste Begegnung mit ihm im Schlafwagen sowie die gemeinsame Zusammenarbeit im Verteidigungsministerium und bei der ZEIT.

Nicht überraschend antwortet der Mann, der einmal Stadtplaner werden wollte, auf die Frage, was ihm an Hamburgs Stadtbild am meisten erfreut: der Hafen, natürlich, das Alsterpanorama mit seinen Kupferdächern, doch vor allem die fünf Stadtkirchen. Ihre ebenso schlichte wie würdige Erhabenheit in Backsteingotik bedeutet für ihn Heimat. So sehr schätzt Helmut Schmidt diese architektonische Besonderheit unter dem hohen Himmel des Nordens, dass er seinen Heimatbegriff weit fasst. Heimat, sagt er, sei für ihn überall dort, wo Kirchen in Backsteingotik die Silhouetten der Städte bestimmen.