"Wann fängt denn der Unterricht endlich an", fragt das Mädchen den Mann an der Hotelbar. "Ihr habt doch noch eine halbe Stunde Zeit", sagt der, während er Milch für einen Latte Macchiato schäumt. "Schau mal, es ist erst halb elf." Die Kleine nimmt ihren Ranzen ab und schaut etwas enttäuscht. "Na gut, dann spielen wir noch", sagt sie, ruft in einer fremden Sprache nach ihrem Bruder und verschwindet durch die Glastür neben der Theke.

"Gestern haben wir zusammen Mathe-Hausaufgaben gemacht, am Ende war Alija so gut, dass sie den Unterricht jetzt wohl kaum erwarten kann", sagt der Barkeeper lächelnd. Dann reicht er einem Gast den Kaffee und hebt das klingelnde Telefon ab: "Grandhotel Cosmopolis, mein Name ist Max. Was kann ich für Sie tun?"

Grandhotel Cosmopolis, das ist ein hinter den unscheinbaren Mauern eines ehemaligen Altenheims verborgenes Modellprojekt mitten in der Augsburger Innenstadt. Die Unterkunft liegt nur wenige Hundert Meter vom Dom entfernt. Dass dies kein gewöhnliches Quartier für Reisende ist, wird schnell klar – an der achtjährigen Alija, dem Flüchtlingsmädchen aus Mazedonien, das hier mit seinen Eltern lebt. Oder an den Uhren, die in der Lobby über ausrangierten Art-déco-Möbeln hängen. Sie zeigen nicht die deutsche Ortszeit, sondern die in Flüchtlingskrisenherden wie Gaza oder Lampedusa.

Das Cosmopolis vereint Hotel, Asylbewerberheim und Kulturraum. Hotelgäste können hier im täglichen Zusammenleben sehen, mit welchen Sorgen, Problemen und Vorgeschichten Flüchtlinge zu kämpfen haben. Die wiederum erfahren Hilfe, Respekt und Teilhabe an ihrem Alltag – etwas, was viele Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus sonst kaum erleben.

60 Asylbewerber und wenige Hotelgäste

Noch nicht lange gibt es das Grandhotel, viele der Zimmer für "normale Gäste" stehen bisher leer. Trotzdem gilt es bereits landesweit als Vorzeigeprojekt, hat sogar Preise erhalten. Das Cosmopolis war ein Produkt des Zufalls: Eine Gruppe von Künstlern hatte 2011 auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten das leerstehende ehemalige Altenheim im Paul-Gerhardt-Haus entdeckt. Die Künstler wandten sich an den Besitzer – die Diakonie Augsburg – und erfuhren, dass das Haus bereits als Asylunterkunft vorgesehen war. Der Bezirk Schwaben brauchte neue Unterkünfte, denn zu den jetzt schon 8.000 Flüchtlingen in Augsburg kommen wöchentlich neue hinzu.

 "Wir entwickelten die Idee, hier Kunstateliers, Bar, Bürgerrestaurant und Flüchtlingsheim zu vereinen", sagt Susa Gunzner. Die Klangkünstlerin renovierte das Haus gemeinsam mit etwa 20 anderen Helfern. Sie half, im Erdgeschoss die Bar einzubauen, informierte skeptische Nachbarn, stellte Förderanträge, organisierte gebrauchte Möbel, sorgte dafür, dass die Brandschutzbestimmungen gewährleistet sind. Mehr als 300.000 Euro offizielle Bau- und Spendengelder und etwa tausende freiwilliger Arbeitsstunden investierten Gunzner und viele freiwillige Mitstreiter in Voll- oder Teilzeit in das Projekt, bis es im Juli genehmigt wurde.

Nun leben Künstler und Flüchtlinge unter einem Dach. Auf den unteren Etagen befinden sich Ateliers, Foto- und Tonstudios und die Zweibettzimmer der Flüchtlinge. In den oberen Stockwerken können sich seit Oktober Hotelgäste in zwölf von Künstlern individuell eingerichteten Räumen sowie in den vier Mehrbettzimmern einmieten. Die Zimmer mit klingenden Namen wie Grand Dame, Leuchtturm oder Frauenzimmer sind zwar größer als die der Flüchtlinge. Doch Dusche und WC sind auf dem Flur, die Möbel sind gebraucht und stammen aus Spenden – wie auf den Etagen der 60 hier untergebrachten Asylbewerber.