Wäre sie nicht katholisch, Ursula Hockmann dürfte ihren Job nicht machen. Obwohl der Staat ihr Gehalt zahlt. Hockmann leitet die Martinischule im westfälischen Münster. Die Grundschule in der nördlichen Innenstadt ist ein seltsames Konstrukt: Sie ist eine staatliche Schule und nennt sich trotzdem katholisch. Lehrer, Räume und Bücher werden mit Steuergeldern bezahlt, der Staat hat die Trägerschaft übernommen. Doch die Martinischule nimmt bevorzugt katholische Kinder auf und bietet nur katholischen Religionsunterricht an. Als Schulleiterin muss auch Hockmann katholisch sein. "Ich leite ein überkommenes System", sagt sie selbst. Ein System, das noch immer verbreitet ist.

Schulen wie die Martinischule sind nur ein Beispiel für die enge Zusammenarbeit von Staat und Kirche. Es gibt kirchliche Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime, Beratungsstellen, die Militär- und Gefängnisseelsorge. Auch theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten, in denen die Kirche mitreden darf. 

All das gibt es, obwohl Staat und Kirche in Deutschland eigentlich getrennt sind. Im Grundgesetz steht: "Es besteht keine Staatskirche." Doch dieser Satz bedeutet nicht, dass Kirche und Religion wirklich zur Privatsache geworden wären. Der Staat arbeitet mit katholischen Bistümern und evangelischen Landeskirchen weiterhin eng zusammen.

Dabei gehören schon 36 Prozent der Deutschen keiner Konfession mehr an. Sollte man daher nicht endlich Ernst machen mit der Trennung von Kirche und Staat? Und was geschieht dann eigentlich?

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Die Stadt Münster eignet sich gut für ein Gedankenexperiment, um herauszufinden, was passieren würde. Dort gibt es nicht nur zahlreiche Bekenntnisschulen in öffentlicher Trägerschaft, sondern auch die größte katholische Fakultät Deutschlands. Außerdem eine evangelische Fakultät und neuerdings ein Zentrum für islamische Studien. Münster ist Bischofssitz, es gibt eine Kaserne mit Militärpfarramt, einen Caritas- und einen Diakonie-Verband. Knapp mehr als ein Drittel der Kindergärten sind kirchlich, sowie fünf von sechs Krankenhäusern.

Die Martinischule zu einer rein staatlichen Schule zu machen wäre nicht schwer. Das Katholische ist längst nicht viel mehr als ein religiöser Anstrich, eine Erinnerung an die Ursprünge als Stiftsschule. Viele Schüler gehören keiner Konfession mehr an. Deswegen können an der Martinischule schon jetzt auch protestantische, muslimische oder konfessionslose Lehrer unterrichten, obwohl das Schulgesetz eigentlich vorsieht, dass katholische Schulen nur katholische Lehrer einstellen sollen.

Ändern würde sich für Schulleiterin Hockmann und ihre Kollegen also wenig: Die gelegentlichen Gottesdienste und die Kontaktstunden mit Pastoren für Drittklässler würden wegfallen. Und es würde leichter, irgendwann eine Nachfolgerin für Hockmann zu suchen. Denn sie muss im Moment noch als einzige zwingend katholisch sein. Andere Bekenntnisschulen hätten wegen des Konfessionszwangs schon Probleme gehabt, einen passenden Kandidaten zu finden, erzählt sie.