Meistens trafen sich Alex und die Quelle mit der Nummer 389 in Restaurants. Das Essen kam, Alex packte seinen kleinen Notizblock aus und schrieb eifrig mit, was die Quelle erzählte: Es ging um geplante Treffen der rechten Szene wie Sonnwendfeiern, manchmal auch darum, dass Hooligans sich zur gefürchteten dritten Halbzeit nach dem Fußballspiel verabredet. Der junge Mann war in der einschlägigen Kameradschaft Kassel aktiv gewesen, Alex arbeitete für den hessischen Verfassungsschutz.

Zwei bis drei Jahre ging das so, mehrmals im Jahr setzten sich die beiden zusammen. Für seine Informationen erhielt Quelle 389 jeden Monat 225 Euro. Mitte 2006 kam Alex dann nicht mehr – er war mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden.

Was damals zwischen den beiden geschah, ist heute Thema im Münchner NSU-Prozess: Die Quelle war der ausgestiegene Neonazi Benjamin G., hinter dem Tarnnamen Alex verbarg sich Andreas T. Er hatte am Donnerstag, den 6. April 2006, in dem Kasseler Internetcafé gesessen, in dem der 21-jährige Halit Yozgat erschossen wurde – laut Anklage von den NSU-Mitgliedern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Bekam T. wirklich nichts mit?

Verfassungsschützer T. will damals keine Schüsse gehört, den blutenden Yozgat nicht hinter dem Tresen liegen gesehen haben. Deswegen wurde er suspendiert, deswegen muss er in dieser Woche zum zweiten Mal als Zeuge in München erscheinen. Seine Position: An Auffälligkeiten im Internetcafé kann er sich nicht erinnern. Dass er sich nicht bei der Polizei als Zeuge meldete, als er von dem Mord erfahren hatte, bedauert er – einen plausiblen Grund kann er jedoch nicht nennen.

In der Verhandlung werden weitere Merkwürdigkeiten thematisiert: Drei Tage nach dem Mord las T. laut eigenen Angaben in einer Zeitung von dem Fall. Am Montag darauf, als T. bereits im Visier der Ermittler war, befragte ihn eine Kollegin zu seinem Wissen. Er sagte ihr, die Tat habe "keinen regionalen Bezug", weil die Pistole bei anderen Morden zum Einsatz gekommen sei. Ermittlungsergebnisse über die Tatwaffe wurden jedoch erst kurz darauf veröffentlicht. Richter Götzl waren die Zweifel am Dienstag anzumerken: "Sie sollten sich überlegen, ob das, was Sie bisher gesagt haben, der Wahrheit entspricht", tadelte er den Zeugen.

Bekam T. wirklich nichts mit? Auch die Angaben seines früheren V-Manns Benjamin G. bringen T. weiter in Erklärungsnot. G. hat sich auf seine Aussage vorbereiten lassen, er bringt einen Anwalt mit ins Gericht. Am selben Tag, an dem T. im Jahr 2006 zum Mord befragt wurde, traf er sich mit dem V-Mann zum Gespräch. G. erkundigte sich, ob T. als Verfassungsschutz-Mitarbeiter mehr über den Mord wisse. "Bei der Frage wurde Alex plötzlich nervös, er begann zu stottern", sagt der 33-Jährige. Er habe aufgehört, mitzuschreiben, sich dauernd umgeschaut. Als G. fragte, was los sei, habe T. geantwortet, ihm gehe es nicht gut. Zu dem Mord habe er schließlich nicht viel gesagt.