Weshalb wollen Menschen sterben? Weil sie den Lebensmut verloren haben, weil sie einsam und verzweifelt sind oder weil sie an schweren, oft unheilbaren Krankheiten leiden und einen qualvollen Tod fürchten. Mehr als 10.000 Menschen bringen sich jedes Jahr in Deutschland um, die meisten wegen Depressionen und anderer psychischer Leiden. In manchen Fällen wirken Ärzte oder andere "Sterbehelfer" mehr oder weniger aktiv mit, obwohl das in Deutschland verboten ist.

Warum sollte unsere Gesellschaft das nicht einfach akzeptieren? Reklamieren wir nicht heute, dass jeder frei über sein Leben entscheiden kann – warum dann nicht auch über sein Ende? Sollte der Gesetzgeber daher nicht generell den Weg für ein selbstbestimmtes Sterben freimachen, gegebenenfalls mit Unterstützung anderer?

Die Antwort darauf kann nach meiner persönlichen Überzeugung nur Nein lauten. Denn eine Gesellschaft, die zuließe, dass Menschen in seelischer oder gesundheitlicher Not keinen anderen Ausweg mehr sehen, als sich zu töten oder töten zu lassen, es ihnen als Möglichkeit sogar gesetzlich anbietet, gäbe sich selbst auf. Ihr oberstes Ziel sollte immer sein, das Leben jedes einzelnen zu schützen und zu fördern, nicht seinen Tod.

In Belgien soll nun sogar ein Gesetz beschlossen werden, das aktive Sterbehilfe auch an Kindern und Jugendlichen in Fällen schwerer, unheil- und nicht linderbarer Erkrankungen erlaubt. Die Mehrheit der Belgier ist dafür. In den Niederlanden gibt es diese Möglichkeit bereits, bei Erwachsenen ist aktive Sterbehilfe in beiden Ländern schon seit zehn Jahren erlaubt. Auch in Deutschland ist darüber eine Debatte entbrannt.

Jeder, der schon einmal mit einem todkranken, sterbenden nahen Menschen konfrontiert war, weiß, wie schwer das zu ertragen ist – für die Betroffenen selbst wie für Angehörige und Freunde. Und natürlich gibt es viele Fälle, in denen Ärzte und Kliniken aus Angst, sich strafbar zu machen, oder aus falsch verstandenem Berufsethos und Ehrgeiz Leiden unnötig verlängern und Patienten einen würdevollen Tod verwehren, indem sie sie weiter an Apparate anschließen und behandeln, obwohl es keine Chance mehr gibt, sie zu retten.

Schmerzen und Angst lassen sich lindern

Aber es gibt heute gute Alternativen zum befürchteten Leiden am Lebensende. Die Palliativmedizin bietet ein breites Spektrum, Schmerzen zu lindern und den Betroffenen ihre größte Angst zu nehmen: unter Qualen dahin zu siechen. Passive Sterbehilfe durch Unterlassen weiterer medizinischer Behandlung aufgrund einer Patientenverfügung ist erlaubt, selbst wenn sie den Tod beschleunigt. Hospize bieten eine Umgebung, in denen Sterbende ihre letzten Wochen und Stunden nach ihren Wünschen verbringen können, begleitet von nahestehenden Menschen und selbstlosen Helfern. Wer solch liebevolle Zuwendung erfährt, gibt nach allen Erfahrungen meist den Wunsch auf, sein Leben möge vorzeitig enden.

Das gilt erst recht für Kinder und Jugendliche. Sie brauchen das Gefühl, geliebt und gewünscht zu sein, selbst wenn sie unheilbar krank sind. Sie brauchen Beistand bis zum Tod, nicht eine Giftspritze. Sie brauchen Ermutigung für das Leben, das ihnen noch bleibt. Nicht einen Weg, es zu verkürzen.

Anders als die Gesetzesinitiatoren quer durch die Parteien in Belgien behaupten, ist es zudem fraglich, ob und wie weit Heranwachsende schon in der Lage sind, sich über die Tragweite der Entscheidung für ein Töten auf Verlangen im Klaren zu sein. Denn nichts anderes bedeutet die schönfärberisch genannte aktive "Sterbehilfe".

Einen "guten" Tod gibt es nicht

"Recht auf Euthanasie" wird das Gesetz in Belgien genannt. Dieser Begriff ist in Deutschland wegen des Massenmordes an Behinderten unter den Nazis, der unter diesem Deckmantel verübt wurde, aus gutem Grund verpönt. Der Tod kann gnädig sein, wenn Qualen und Schmerzen am Ende des Lebens nicht mehr menschlich scheinen und Körper und Geist verfallen. Aber einen "guten" Tod gibt es nie. Schon gar nicht für Menschen, die eigentlich am Beginn ihres Lebens stehen.

Sozial erwünschtes Frühableben

Der Ruf nach der Freigabe jeder Form von Sterbehilfe in jedem Alter ist ein fatales Signal der Gleichgültigkeit. Und er führt auf eine gefährliche abschüssige Ebene: In Belgien hat die Zahl derjenigen, die auf ihren Antrag von Ärzten getötet werden, seit Einführung des Gesetzes im Jahr 2002 von 235 auf 1.400 pro Jahr zugenommen. In den Niederlanden sind die Zahlen ähnlich.

Auch wenn darunter Fälle sein mögen, die sich vorher im Dunklen des Verbotenen abgespielt hätten, wächst in beiden Ländern ein Klima, in dem sozial erwünschtes Frühableben zum Normalfall wird. Vor allem Ältere lassen sich zu Tode spritzen, weil sie niemanden mehr haben oder weil sie niemandem zur Last fallen wollen. Nicht, weil sie nicht vielleicht noch eine Weile leben wollten, wenn es ihnen lohnenswert erschiene. Und in manchen Fällen sogar, ohne dass sie wirklich dem Tode nahe wären.

Daraus kann gesellschaftlicher Druck entstehen: Einzelne bekommen das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, wenn sie die angebotene Sterbehilfe nicht in Anspruch nehmen und weiter leben wollen.

Soll dieses Schicksal künftig auch Kindern blühen? Auch wenn es in Belgien angeblich nur um etwa ein Dutzend Fälle pro Jahr geht: Wer die aktive Tötung der Schwächsten erlaubt, wird bald auch vor der Frage stehen, was mit Behinderten oder Dementen ist. Und mit Babys, die mit einer Missbildung auf die Welt kommen.

Wollen wir sie alle von ihrem Leiden "befreien"? Wäre eine solche Gesellschaft noch lebenswert?