Die Nachricht sorgte weltweit für Schlagzeilen: "Sterbehilfe für Kinder" soll es in Belgien geben, und zwar schon bald. Im Frühjahr könnte in Brüssel erstmals ein Gesetz verabschiedet werden, das die bisherige Altersgrenze von 18 Jahren aufhebt. Vorausgesetzt, die Abgeordneten beider Parlamentskammern schließen sich der Kommission für Justiz und Soziales des belgischen Senats an, die Ende November mit deutlicher Mehrheit dafür stimmte. 

Im Ausland löste das Vorhaben vielfach emotionale Reaktionen aus. Selbst die routinierte CNN-Journalistin Christiana Amanpour verlor die Contenance, als ihr aus Brüssel der liberale Senator Jean-Jacques de Gucht zugeschaltet wurde: "Klingt das nicht furchtbar?", fragte sie den Initiatoren des Gesetzes. Worauf de Gucht erklärte, die betreffenden Minderjährigen, im Endstadium einer unheilbaren Krankheit, müssten ihre Entscheidung im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte treffen. Zudem seien ein psychologisches Gutachten und die Einwilligung der Eltern notwendig. 

Auch in Belgien selbst, 2002 nach den Niederlanden das zweite Land, das ein Sterbehilfegesetz verabschiedete, wird das Thema intensiv diskutiert – freilich vor dem Hintergrund geklärter Umfragemehrheiten. Im Oktober sprachen sich in einer Erhebung des TV-Senders RTBF drei Viertel der Befragten für Sterbehilfe bei Minderjährigen aus. 79 Prozent plädierten gar dafür, auch Demenzkranke in die Zielgruppe aufzunehmen. 

Tatsächlich unterzeichnen immer mehr Belgier bereits im gesunden Zustand präventiv eine Absichtserklärung. Diese soll ihnen im Notfall und damit einhergehender Unzurechnungsfähigkeit beim Abschied aus dem Leben helfen. Im laufenden Jahr waren es bis Mitte Oktober bereits mehr als 15.000. Der bisherige Rekord lag bei 12.728 (2012). Die Zahl der Sterbehilfefälle betrug im letzten Jahr 1.400. Unmittelbar nach ihrer Legalisierung 2002 waren dies noch 235.

Mark van Hoey, Hausarzt und Vorsitzender der Organisation Recht auf Würdiges Sterben (RWS), sieht daher eine "Kluft zwischen der öffentlichen Meinung und der Politik". Er macht die positiven Erfahrungen mit dem Sterbehilfegesetz von 2002 für die breite Zustimmung verantwortlich. Aus dieser heraus habe sich die Forderung entwickelt, das Selbstbestimmungsrecht auf Minderjährige auszudehnen.  

Auch Herman Nys, Professor für Medizinisches Recht an der Katholischen Universität Leuven, sieht eine graduelle Akzeptanz der Sterbehilfe seit 2002 – in der Bevölkerung wie auch in der medizinischen Welt. Diese erkläre sich weniger durch öffentlich bekannt gewordene Fälle sterbenskranker Minderjähriger als vielmehr durch eine gesellschaftliche Dynamik, angestoßen durch die Legalisierung. Angesichts des Kriteriums der Zurechnungsfähigkeit geht Nys davon aus, dass in der Praxis 15- bis 17-Jährige von der Gesetzesänderung Gebrauch machen würden.

Wesentlich für die geplante Gesetzesänderung ist nun ein Detail, das erst auf Wunsch der größten Oppositionspartei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA) aufgenommen wurde. Demnach soll, anders als bei Erwachsenen, psychisches Leiden kein zulässiges Kriterium sein. N-VA-Senatorin Elke Sleurs erklärte dem TV-Sender VRT: "Es gibt große Anstrengungen, um Suizid bei Teenagern zu verhindern. Da wäre es ein falsches Signal, Sterbehilfe bei Minderjährigen im Fall psychischen Leidens zuzulassen. Außerdem ist es sehr schwer, in jungem Alter eine definitive psychologische Beurteilung zu erstellen."

Den Befürwortern – neben der N-VA die sozialdemokratischen, liberalen und grünen Parteien – stehen Christdemokraten und Humanisten entgegen. Diese politische Konstellation spiegelt die gesellschaftliche recht zutreffend wider. Die größten Kritiker kommen aus dem konfessionellen Lager. Vertreter aller christlichen Kirchen, jüdischer und muslimischer Organisationen verfassten vor der jüngsten Abstimmung eine gemeinsame Erklärung. Dort drückten sie ihre "große Besorgnis" angesichts "zunehmender Banalisierung einer so schwerwiegenden Angelegenheit" aus.

Sterbehilfe für Minderjährige lehnen sie als "Überbelastung ihres Urteilsvermögens und auch ihrer Freiheit" ab. Gleichwohl müsse das Leiden todkranker Kinder erleichtert werden, wozu die Palliativmedizin hinreichend Möglichkeiten biete. Die Forderung nach Sterbehilfe für Demenzkranke weisen die Vertreter der Glaubensgemeinschaften zurück als eine "Verkennung ihres Wertes". In beiden Fällen werde das gesellschaftliche Fundament untergraben.

"Eine Tat der Menschlichkeit"

Gänzlich anders äußerten sich Anfang November 16 belgische Kinderärzte, darunter auch Vertreter katholischer Kliniken, in einem offenen Brief an den belgischen Senat: Jeder Entschluss zur Sterbehilfe sei "eine Tat der Menschlichkeit". Diese werde nur als letzter Ausweg in "Situationen unerträglichen Leidens", nach eingehender Prüfung aller Alternativen und "niemals unsorgfältig" genommen. "Warum", so die Schlussfolgerung, "soll man Minderjährigen diese letzte Möglichkeit vorenthalten?"

Palliative Betäubung stellt in den Augen der Unterzeichnenden keine annehmbare Alternative dar. Zudem weisen sie darauf hin, dass schwerkranke Minderjährige angesichts ihres nahenden Todes eine Reife zeigten, die vielfach die gesunder Erwachsener übersteige. Ausschlaggebend für die Sterbehilfe solle demnach "nicht das kalendarische, sondern das mentale Alter" des Leidenden sein.

Bemerkenswert in der Argumentation der Mediziner ist ein weiterer Punkt: Die Sterbehilfe für Minderjährige, heißt es am Ende, sei "heute schon eine reelle Praxis". Diese solle nun "aus der Dunkelzone" geholt werden.