2. April 2011, durch die Ulmer Innenstadt dröhnt der Lärm von 40 schweren Motorrädern. Der Ortsklub der Rockergruppe Bandidos fährt einen Cityrun, eine Demonstration der Stärke. Die Polizisten, die den Korso begleiten, wissen nicht, was die Rocker, von denen viele längst silbergraue Haare haben, aufgescheucht hat. Da ahnen sie noch nicht, dass ein erbitterter Territorialkrieg begonnen hat.

"Es geht um Geld, es geht um Macht", sagt inzwischen Sigurd Jäger, Leiter der Inspektion Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg. In keinem Bundesland gibt es mehr Rockergruppierungen als im Südwesten. Über mehr als 1.200 Mitglieder verfügen die vier großen Klubs, die auch bundesweit die Szene dominieren. Sie heißen Gremium, Outlaws, Bandidos und Hells Angels.

Ihnen steht eine wachsende Konkurrenz rockerähnlicher Banden gegenüber, deren Mitglieder aus der Türkei, Serbien oder anderen osteuropäischen Ländern stammen. Sie heißen Black Jackets oder Red Legion und bringen es auf bereits 800 Mitglieder. "Sie fordern die Etablierten heraus", sagt Jäger. Es geht um Geschäfte mit Drogen, Anabolika, Waffen und Prostitution. 

Es ist aber auch ein kultureller Konflikt. Die traditionellen Klubs wie die Bandidos oder Hells Angels, deren Ortsklubs in Baden-Württemberg ihre Wurzeln in der amerikanischen Besatzungszeit haben, geben sich zwar sehr amerikanisch. Sie sind aber in ihren Strukturen "größtenteils deutsch dominiert", sagt Jäger. Eine wachsende Zahl junger Migranten fände sich deshalb in eigenen Organisationen zusammen. Eines aber hätten sich die neuen von den alten Rockern abgeguckt: "Sie stellen ihren Code über das Gesetz." Bei Konflikten mit Polizei und Justiz gelte der Grundsatz: "Keine Kooperation, keine Aussagen."

Rock Machine sorgt für Unruhe

Und so konnte die Gewaltspirale zunächst ungebremst ins Rollen kommen: Ein paar Wochen nach dem Cityrun wird in einer Mainacht 2011 das Ulmer Wohnhaus des früheren baden-württembergischen Polizisten Suat E. von Pistolenkugeln durchsiebt. Gefeuert haben Bandido-Mitglieder. Der 33-jährige E. hatte Anfang 2011 einen Ortsklub namens Rock Machine gegründet und sich mit den Bandidos angelegt. Wenig später wird ein weiteres Mitglied von Rock Machine auf offener Straße mit einem Hammer niedergeschlagen. Ein Mitglied der Bandidos muss sich deshalb derzeit am Landgericht Ulm verantworten.

Im März 2012 geht die Neu-Ulmer Kneipe Nachtschicht im Flammen auf, ein beliebter Treff der Bandidos. Zwei Wochen später brennt das Big Ball, Stammlokal der Rock Machine.

Im Juni wird im Ulmer Klub Myers Buttersäure vergossen, die Gäste flüchten panikartig vor dem unerträglichen Gestank. Insgesamt kommt es drei Mal zu Buttersäureanschlägen bei voller Tanzfläche. Der beliebte Klub gehört, ebenso wie ein Bordell in Neu-Ulm, Murat C. Dessen Clan schien schwach genug zu sein für eine feindliche Übernahme. Die Polizei ist überzeugt, dass führende Köpfe von Rock Machine hinter den Anschlägen stecken.

Auch Murat C. hatte keine Zweifel, wer ihn da angreift. Als im Dezember 2012 eine Bombendrohung gegen sein Bordell eingeht, trommelt er einige Helfer zusammen und fordert eine "Aussprache" mit Rock Machine in der Neu-Ulmer Industriestraße. Es endet tödlich, C.s Begleiter werden aus nächster Nähe beschossen, einer stirbt noch in derselben Nacht. Die mutmaßlichen Mörder gehören den Rock Machines an. Auch sie stehen seit November vor Gericht.