Drachensteigen in Berlin © Michael Kappeler/dpa

Mit ihrer Forderung nach einer 32-Stunden-Woche für junge Eltern hat Familienministerin Manuela Schwesig einen längst überfälligen Schwerpunkt gesetzt: die Anpassung der Arbeitswelt an die Bedürfnisse von Familien.

Mein Partner und ich arbeiten jeweils 34 Stunden die Woche und teilen uns so Erwerbsarbeit, Kindererziehung und Haushalt. Es ist genau richtig so. Mehr arbeiten würden wir nicht wollen, wir genießen die Zeit mit unserem Sohn. Weniger aber auch nicht, denn um beruflich am Ball zu bleiben, müssen und möchten wir diese Zeit in den Job investieren. Wir sind in der Lage, dieses Modell zu leben, weil wir beide unabhängig arbeiten, ich als freie Journalistin, er als Wissenschaftler. Für viele Arbeitnehmer ist das nicht möglich. Um mehr Menschen diesen Luxus zu gönnen, plädiere ich für ein Modell, wie es Schwesig vorschlägt.

Nur ist ihre Idee noch reichlich vage formuliert. Neben die Zahl 32 stellt sie lediglich die Forderung nach einem Lohnausgleich. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Teilzeit für Eltern in die Arbeitswelt integriert werden könnte, lohnt es sich, einen Blick auf unseren Nachbarn, die Niederlande zu werfen: Viele junge Eltern haben dort eine Vier-Tage-Woche, die entweder von Montag bis Donnerstag oder von Dienstag bis Freitag läuft. An den Tagen, an denen beide Elternteile arbeiten, wird das Kind in der Kita betreut, den ganzen Tag lang. An vier Tagen in der  Woche betreuen es die Eltern, Montag der eine Elternteil, Freitag der andere. Arbeitgeber haben sich darauf eingestellt und legen wichtige Konferenzen und Termine in die Zeit von Dienstag bis Donnerstag – wenn alle anwesend sind. Dieses Teilzeitmodell funktioniert nur, weil es in den Niederlanden eine flächendeckende, flexible und bezahlbare Kinderbetreuung gibt.

Ein Teilzeitmodell für alle

Zentral an dem Modell ist außerdem: Die Arbeitgeber organisieren Teilzeit auf dieselbe Art und Weise. Damit sind sie für Eltern berechenbar. Und das ist ein entscheidender Unterschied zu den derzeitigen Angeboten in Deutschland, die sich von Firma zu Firma und Branche zu Branche unterscheiden, was es für Eltern unnötig kompliziert macht. Denn es ist schwer, zwei verschiedene Teilzeitmodelle miteinander zu koordinieren. Was ist, wenn die wichtige Konferenz für beide Partner am Montagnachmittag liegt? Oder wenn einer in Schichten arbeitet?

Der Vorstoß von Schwesig ist also ein Schritt in die richtige Richtung, steht aber erst am Anfang. Er könnte Realität werden, auch wenn Arbeitgebervertreter ihn in gewohnter Manier für nicht finanzierbar halten. Denn die Idee könnte einen positiven Nebeneffekt haben: Sie könnte Ängste abbauen, die junge Menschen davon abhalten, Kinder zu bekommen und so tatsächlich die Geburtenrate erhöhen. Denn reine Geldgeschenke wie das Kinder-, Betreuungs- oder Elterngeld reichen dafür nicht aus. Das ist inzwischen wohl erwiesen.

Die klassische Versorgerehe mit einem arbeitenden Mann und einer Frau, die sich um Haus und Kindererziehung kümmert, ist, das zeigen Studien, für viele junge Paare nicht mehr attraktiv. Frauen wollen arbeiten, weil sie die entsprechende Ausbildung haben, oder sie müssen arbeiten, weil das Familieneinkommen sonst zu niedrig wäre. Viele Paare landen im sogenannten Zuverdienermodell: Er arbeitet Vollzeit, sie in geringem Umfang Teilzeit – und kümmert sich zusätzlich um Kind und Haushalt. Eine Doppelbelastung, die unzufrieden macht. Warum ersetzen wir dieses Zuverdienermodell also nicht durch eines, in dem Männer und Frauen gleichermaßen an Lohn- und Erziehungsarbeit beteiligt sind?

Der Schritt ist nicht mehr groß. Und auch die Kinder profitieren, wenn sie beide Eltern um sich haben und in einer liebevollen Kinderbetreuung ein zweites Zuhause finden: In einem Unicef-Bericht aus dem Jahr 2007 zum Wohlbefinden der Kinder standen die Niederlande jedenfalls auf Platz eins.