Das erste Opfer des Krieges, heißt es, ist die Wahrheit. Und Hamburg hat Krieg, Bürgerkrieg. Sagen die einen, sagen die anderen, und meinen damit sehr verschiedene Dinge. Womit wir beim Thema wären. Seit kurz vor Weihnachten der ortsübliche Kampf um die Rote Flora zur blutigen Schlacht eskalierte, seit Polizisten angegriffen wurden und der Adventseinkauf behindert, sind acht Hektar Hamburg eine Festung. Das vermeintlich offene Tor zur Welt: ein Gefahrengebiet. So heißt die hanseatische Spezialform des lokalen Ausnahmezustands auf Zeit, in dem dank polizeilicher Sonderbefugnisse Recht und Ordnung herrschen soll. Beteuert die Politik. Oder in der beides dank polizeilicher Willkür außer Kraft ist. Entgegnen deren Gegner.
Dann wollen wir doch mal sehen.

Da drüben stehen sie an diesem milden Abend fernab von Reeperbahn, Schanzenviertel, den Brennpunkten temporärer Gewalt: Acht Bereitschaftspolizisten inmitten des Wohnviertels. Und sie warten auf, ja was eigentlich? Besoffene? Randalierer? Terroristen? "Wir warten auf gar nix", sagt ein Zugleiter mit der Jeanschiffre 501 am Helm und grinst argloser, als sein Ganzkörperpanzer suggeriert; Sicherheit im Sinne des Schill-Erbes Gefahrenzone heißt offenbar zunächst: Sicherheit für die Sicherheitskräfte.

Aber es hat ja auch geknallt, fünf Minuten zuvor. Ein Böller, dann noch einer. Nichts Neues nach Neujahr, aber St. Pauli ist halt "Danger Zone", wie ein Transparent vom Balkon gegenüber verkündet und um Blauhelme fleht; da werden Silvesterreste schon mal kriminalisiert wie die Menschen in toto. Denn das Amüsierviertel, Außenstehende wie die regierende SPD vergessen das zuweilen, ist bewohnt. Dicht sogar. Von 50.000 Menschen. Fleißige wie faule, nette und nicht so nette, geburtsdeutsche und gefühlsdeutsche, reiche, arme – alles dabei. 

Das letzte Opfer des Krieges ist der Humor

Und nun leben sie, wie der Autor, im Risikoraum. Der ist selbst in Hamburg nicht ungewöhnlich, wo das juristisch bedenkliche Notstandsgebiet seit 2005 schon oft eingerichtet wurde – wenngleich meist nur für Stunden und das auf engem Raum. Dieses hier indes reicht von der Elbe übers Schanzenviertel bis zum Bahnhof Altona und zwar unbefristet. Es umfasst Supermärkte und Diskotheken, Spielplätze und Puffs, umschließt den Alltag und das Leben. Durchdringt es.

Und nicht nur viele der Bewohner sind, sagen wir mal: irritiert davon, beim samstäglichen Brötchenholen mit Kleinkind auf dem Arm drei Polizeitransporter im Schritttempo zu sehen, Seitenscheibe runter, scharfer Blick, weiter geht die Spähfahrt. Wir sind irritiert, beim Sonntagsbummel durchs Quartier von 400 Kontrollen allein am ersten Wochenende zu hören. Wir sind des Weiteren irritiert, abends auf dem Weg zur Stammbar ein Spalier bewaffneter Stormtrooper durchschreiten zu müssen, deren breites Kreuz nur unbereitwillig schwenkt, um Passanten passieren zu lassen.

Kurzum: Viele der Generalverdächtigen sind bis zum Hass auf jede Uniform irritiert von der Erklärung des heimischen Mikrokosmos zum Hotspot des Verbrechens. Weil das letzte Opfer des Krieges aber bekanntlich der Humor ist, suchen sie ihr Heil oft in einer Art heiterer Renitenz. Zum Beispiel weißes Pulver (ideal: Natron) in klarsichtiger Tüte direkt vor den Gefahrenzonenwächtern gegen Geldbündel tauschen (soll angeblich zu beachtlicher Humorlosigkeit vieler Freunde/Helfer geführt haben). Beliebt auch: Wasserflasche mit Taschentuch im Hals. Klobürstenstab (weiß) aus Kapuzenpulli (schwarz) blicken lassen. Mit erhobenen Händen rote Ampeln ignorieren. Gemeinsam durchs Kriegsgebiet flanieren.