Die Bundesregierung begrüßt das Coming-out des früheren Fußball-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger. "Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen aus Angst vor Intoleranz", sagte der Sprecher der Bundeskanzlerin, Steffen Seibert. Es sei gut, dass Hitzlsperger über etwas "spricht, was ihm wichtig ist, was ihn möglicherweise auch befreit". In den vergangenen Jahren habe Deutschland bei der Anerkennung Homosexueller schon enorme Fortschritte gemacht. "Wir leben im Großen und Ganzen im Respekt voreinander, unabhängig davon, ob der Mitmensch Männer liebt oder Frauen liebt." 

Der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle (FDP) deutete hingegen an, dass ein Coming-out auch heute noch schwer ist. "Dieser Mut verdient größten Respekt", sagte Westerwelle ZEIT ONLINE. "Der Schritt in die breite Öffentlichkeit liest sich viel leichter, als er tatsächlich ist." 

Der ehemalige Fußball-Profi und Nationalspieler Thomas Hitzlsperger spricht in einem Interview mit der ZEIT erstmals offen über seine Homosexualität. Lange habe er sich nicht getraut, diese öffentlich zu machen, nach dem Ende seiner Laufbahn als Fußball-Profi sei jetzt ein guter Zeitpunkt dafür. "Die Olympischen Spiele von Sotschi stehen bevor, und ich denke, es braucht kritische Stimmen gegen die Kampagnen mehrerer Regierungen gegen Homosexuelle", fügte Hitzlsperger hinzu.

Westerwelle betonte, er erhoffe sich von Hitzlspergers Entscheidung "Ermutigung, Respekt und Anerkennung für die vielen, die im Hinblick auf ihre gleichgeschlechtliche Orientierung noch mit sich, ihrem Umfeld und der Gesellschaft ringen". Der FDP-Politiker hatte seine Homosexualität im Jahr 2004 bekannt gemacht.

Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte ZEIT ONLINE: "Endlich hat ein Fußballer den Mut, seine Homosexualität öffentlich zu machen – zumindest in engem Zeitabstand zu seiner Karriere." Hitzlspergers Coming-out habe "hoffentlich eine positive Wirkung auf die Gesellschaft und den Profifußball der Männer. Der ist nämlich nach wie vor ein hartes Geschäft, ein offener Umgang mit Homosexualität ist leider immer noch nicht selbstverständlich".   

Fußballer appellieren an Verantwortung der Klubs

Zwanziger ist heute Mitglied im Fifa-Exekutivkomitee. Seiner Meinung nach bleibt es ein Risiko für einen aktuellen Spieler, offen homosexuell zu leben. "In einem Mannschaftsverband finden sich Spieler aus vielen Kulturkreisen, auch aus Kulturkreisen, die Homosexualität ablehnen. Aber ich bin zuversichtlich, dass sexuelle Neigungen im Fußball bald kein Thema mehr sind", sagte Zwanziger.

Ligapräsident Reinhard Rauball sprach von einem "großen und mutigen Schritt", der "im Kampf gegen Homophobie sicherlich wegweisend" sei. Wenn sich ein aktiver Profi oute, seien die Folgen weiterhin nur schwer kalkulierbar. "In dieser Hinsicht tragen die Klubs als Arbeitgeber eine außerordentliche Verantwortung", sagte der Präsident des Bundesligisten Borussia Dortmund ZEIT ONLINE. Der Generaldirektor des Deutschen olympischen Sportbundes (DOSB) Michael Vesper, ehemaliger Grünen-Politiker, erklärt sich die Tabuisierung vom Homosexualität damit, "dass homosexuelle Männer oft damit konfrontiert sind, als weich oder gar feminin zu gelten, und ich vermute, dass dies dem Bild eines erfolgreichen Athleten in noch zu vielen Köpfen widerspricht."

Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, sagte Hitzlsperger seine Unterstützung zu. "Er war zu seiner Zeit als Nationalspieler immer ein Vorbild, vor dem ich den höchsten Respekt hatte – und dieser Respekt ist jetzt noch weiter gewachsen", sagte Niersbach. "Als Thomas noch aktiver Nationalspieler war, hatten wir von seiner Homosexualität keine Kenntnis. Er hat sich erst nach seinem Karriereende an uns gewandt und uns darüber informiert", erklärte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff.

Nationalspieler Lukas Podolski lobte seinen ehemaligen Teamkollegen und sprach von einem "wichtigen Zeichen in unserer Zeit". "In der heutigen Zeit sollte es eigentlich zur Normalität werden, aber ich weiß, dass es vor allem jetzt in der Fußball-Community viele Diskussionen darüber geben wird", sagte Fredi Bobic, seit 2010 Sportdirektor des VfB Stuttgart ZEIT ONLINE. "Möglicherweise ermutigt Thomas' Schritt auch andere", betonte auch Nationalspieler Simon Rolfes.

Lob aus Großbritannien

Auch den englischen Profisport beschäftigt das Coming-out des früheren Aston-Villa- und West-Ham-United-Spielers. Hitzlsperger ist dort bekannt unter dem Namen "Hitz the Hammer". Die englische Fußball-Legende Gary Lineker gratulierte Hitzlsperger via Twitter zu dessen Mut, sich als erster ehemaliger Premier-League-Spieler  geoutet zu haben. Auch der britische Vize-Premierminister Nick Clegg äußerte sich. Hitzlsperger werde mit seinem Coming-out wichtige "Barrieren" einreißen, twitterte der  Vorsitzende der Liberaldemokraten.