Thomas Hitzlspergers Coming-out passt in die Zeit. Vielleicht kam es sogar ein bisschen zu spät. In den vergangenen Jahren nämlich hat sich bei der Wahrnehmung und Akzeptanz von Schwulen und Lesben enorm viel getan.

Zwar sind Vorurteile, Diskriminierungen und Karrierebeschränkungen immer noch vorhanden, Sprüche wie "Du schwule Sau" verschwinden nicht so schnell aus Kneipen und Stadien. Dennoch gilt zugleich, was der Alltag zeigt und Urteile etwa des Bundesverfassungsgerichts zunehmend verbriefen: Schwule und Lesben werden zum akzeptierten Bestandteil unserer Gesellschaft. Viele Indikatoren machen deutlich, dass sie sich öffnet.

Es gibt lesbische TV-Moderatorinnen und Exzellenz-Wissenschaftlerinnen, schwule Minister oder Top-Sportmanager. In der konservativen bayerischen Region werden offen homosexuell lebende Männer zu Bürgermeistern und Landräten gewählt. Und nun kommt auch noch Thomas Hitzlsperger.

Homosexualität - Die Videobotschaft von Thomas Hitzlsperger "Homophobe Leute haben jetzt einen Gegner mehr", sagt der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. In einer Videobotschaft hat er sich zu seinem Coming-out geäußert, die seine Kommunikationsagentur dictum law veröffentlichte.

Die Wirtschaft hatte das Potenzial der Schwulen und Lesben als erste entdeckt: Zahlreiche Unternehmen werben gezielt um schwul-lesbische Kunden und Mitarbeiter. Und sie unterstützen und finanzieren schwul-lesbische Corporate Networks wie etwa EAGLE bei IBM. Zu EAGLE gehören weltweit mehr als 1.000 und hierzulande mehr als 60 aktive Mitarbeiter. Überhaupt gilt der Konzern schon seit Langem als wegweisend, wenn es darum geht, rund um den Globus motivierte und engagierte schwule und lesbische Leistungsträger zu unterstützen und sie bis in hohe Führungspositionen aufsteigen zu lassen.

Einflussreiche Business-Organisationen

Doch auch etliche weitere Firmen sind hier aktiv, darunter große Banken, Versicherungen, Industriekonzerne, Telekommunikationsunternehmen, Anwaltskanzleien, Unternehmensberatungen. Viele von ihnen waren zuletzt präsent auf der Sticks & Stones, der "ersten Karrieremesse für Schwule, Lesben und Heteros", wie ihr Gründer, der gebürtige Bayer Stuart Cameron, für sie wirbt. Seit vier Jahren gibt es die Messe und sie wächst –  obwohl Firmen ihre Budgets für Personalmessen insgesamt stark zusammengestrichen haben. 

Schwule und Lesben sind längst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie gelten als gut ausgebildet, konsumfreudig, leistungsorientiert und flexibel. Es rechnet sich für Unternehmen offenbar, auch an Schwule und Lesben zu denken und sich strategisch entsprechend auszurichten.

Manchen Firmen gelingt es sogar, einen Rahmen zu schaffen, der es Mitarbeitern erlaubt, sich zuerst im Beruf zu ihrer Homosexualität zu bekennen – um danach die Kraft zu finden, das auch privat zu tun. Christian D. Weis etwa trat in seinen Teenagerjahren seine Lehrstelle bei der Commerzbank an – und outete sich just zuerst bei seinem Chef. Heute ist er einer der Sprecher des sehr aktiven schwul-lesbischen Unternehmensnetzwerkes Arco der Commerzbank, mit mehr als 400 Mitarbeitern eines der größten hierzulande. Und er weiß eine Unterstützung des Vorstands sowie des Aufsichtsratschefs Klaus-Peter Müller hinter sich, die über die manchmal auch üblichen Lippenbekenntnisse erkennbar hinausgeht.

Zwar hat sich noch immer kein Vorstand eines Dax- oder MDax-Unternehmens zu seiner Homosexualität bekannt, doch ändert dies nichts an dieser grundsätzlich positiven Entwicklung.

Neue Vorbilder des Alltags gibt es mittlerweile überall. Etwa in einflussreichen Business-Organisationen wie den Wirtschaftsweibern (Netzwerk lesbischer Managerinnen), den Gay Farmern (Vereinigung von Schwulen und Lesben in grünen Berufen), dem Völklinger Kreis (Verband schwuler Führungskräfte in Deutschland) oder PrOut@Work (Interessenvertretung der schwul-lesbischen Firmennetzwerke und Berufsvereinigungen).