Schwulsein provoziert. So erleben es fast alle homosexuellen Leser, die unserem Aufruf zum Thema Homophobie gefolgt sind und uns geschrieben haben. Es provoziert nur selten zu hasserfüllten Angriffen, aber manchmal zu Umerziehungsversuchen, Häme oder Misstrauen – und oft zu übertriebenen Toleranzbekundungen. Die Bandbreite ist groß. Die meisten, die uns geschrieben haben (übrigens ausschließlich Männer), fühlen sich im Alltag nicht diskriminiert, machen aber trotzdem die Erfahrung, nicht wirklich als normal angesehen zu werden. Lesen Sie hier eine Auswahl der Einsendungen.    

"Gegenstand einer Debatte, ob man will oder nicht"

Ich bin 25 Jahre alt. Über die letzten drei Jahre habe ich mich kontinuierlich geoutet. Die Reaktionen fielen durchweg positiv aus, seit einem halben Jahr lebe ich in einer Beziehung. Alles gut, sollte man meinen. Aber es sind die Momente, die klein und nahezu unbedeutend wirken mögen, die einem gebündelt und andauernd immer wieder deutlich machen, dass Homosexualität weit von Normalität entfernt ist.

Da sind die Debatten in der Politik, in den Kirchen und in religiösen Gruppen, in denen immer wieder zwar nicht zwingend homophobe, aber doch klar ablehnende Meinungen zur Homosexualität geäußert werden – vor allem, wie sie ausgelebt werden darf und inwiefern Homosexuelle Heterosexuellen gleichgestellt werden sollen. Die gesellschaftliche Debatte ist wichtig, hat aber die unausweichliche Nebenwirkung, dass man als homosexueller Mensch immer wieder Gegenstand einer Debatte wird, ob man dies nun möchte oder nicht.

Dazu kommt die oberflächliche Toleranz, wenn zum Beispiel gesagt wird: "Was im Schlafzimmer geschieht, geht niemanden etwas an." Es geht doch nicht nur darum, mit dem gleichen Geschlecht Sex zu haben. Es geht darum, auf die Frage von Kollegen, was man am Wochenende gemacht habe, eine ehrliche Antwort geben zu können. Aus dem Privatleben zu berichten, von Streit, von schönen Erlebnissen, von Plänen. Ein Mantel des Schweigens wird hier oft selbst von angeblich toleranten Menschen gefordert. Das reicht vom "Ihr habt doch schon genug Rechte" des Nachbarn bis zum "Aber der Oma sagen wir es erst mal nicht" der eigenen Eltern.

Es würde vielen homosexuellen Menschen schon helfen, wenn die Debatte ehrlicher wäre. Wenn Liberalität nicht nur geheuchelt und Missstände klar angesprochen würden. Sonst führt es nämlich dazu, dass Homosexuelle, die mit sich und ihrem Umfeld kämpfen, ein Stück weit entmündigt und eines Teils ihrer Würde beraubt werden. Anonym, männlich

"Ich will nicht besonders sein"

Ich bin 25 Jahre alt und studiere Germanistik und Philosophie in einer kleinen Stadt. Grundsätzlich mache ich aus meiner Homosexualität kein Geheimnis. Ich lebe in einem Umfeld, das meine sexuelle Orientierung vollends respektiert. Aber jedes Mal, wenn ich neue Menschen kennenlerne, was oft passiert, empfinde ich es als Hürde, mich zu outen.

Wir sind alle tolerant. Gerade an der Universität, gerade unsere Generation, ja, für uns ist das alles überhaupt kein Problem – stimmt natürlich nicht. Ich kenne auch die andere Seite, diese Blicke, wenn ich in der Öffentlichkeit meinen Freund küsse. Und wie oft habe ich schon diesen Spruch gehört: "Ich habe nichts gegen Schwule und Lesben, aber…"

Ich bin mit toleranten Menschen befreundet und bekomme viel positiven Zuspruch. Am liebsten ist es mir allerdings, wenn ich ihn nicht bekomme. Denn ich bin nicht besonders. Das will ich jedenfalls nicht sein. Wenn ich nun vor einer Person stehe und ihr das erste Mal von meiner Sexualität erzähle, diese Hürde nehme, schwingt immer die Angst mit, ich könnte danach bewertet werden. Ich könnte "besonders" werden. Es ärgert mich, dass ich es überhaupt sagen muss. Es ist so intim, es macht mich so nackt. Es impliziert so viel. Ich habe anders Sex als du. Ich küsse die Lippen eines Mannes. "Wie auch immer", füge ich dann gerne hinzu, "ist ja auch egal." Aber ich werde mich solange outen, solange ich besonders bin. Dennis B.

"Wenn du mal eine Frau hast"

Ich bin 21 Jahre alt. Mit 16 Jahren habe ich meinen Eltern meine Homosexualität offenbart. Mein Vater, der mich schon seit der ersten Klasse regelmäßig "Schwuchtel" nannte, da ich nur mit Mädchen befreundet war, fragte mich als erstes, woher ich das wisse, ich hätte doch noch nie Sex mit einem Mann gehabt.

Meine Mutter sagte gar nichts. Aber am nächsten Morgen belauschte ich sie dabei, wie sie bei einer Telefonhilfe anrief, weil sie nicht damit klarkam. Einen Tag später knallte sie mir ein Buch auf den Tisch, aufgeschlagen auf einer Seite zum Thema Aids. Seitdem rede ich mit meiner Mutter nicht mehr über das Thema. Wenn wir über meine Zukunft sprechen, sagt sie immer, "wenn du mal eine Frau hast". Sie will es nicht wahrhaben.

Meine Großmutter findet es hingegen "gut". Sie hatte mal im Krankenhaus einen schwulen Pfleger und sagt, sie habe nur Positives erfahren. Es seien nette, hilfsbereite Menschen. Zu ihr konnte ich auch meinen Freund mitbringen, den ich mit 17 hatte. Sebastian K.