Der Kandidat für den NPD-Bundesvorsitz, Udo Pastörs © ZEIT ONLINE

Kurz nachdem sich der Demonstrationszug in Bewegung gesetzt hat, kommt es zum Tumult: Zwei Männer reden über einen tragbaren Lautsprecher auf mehrere Neonazis ein, die vor dem Tor des weinberankten Hotels Romantischer Fachwerkhof im thüringischen Kirchheim aus ihren Autos steigen. Eines der Fahrzeuge trägt das Kennzeichen DD-HH – HH wie "Heil Hitler".  

Reporter laufen herbei, Kamerateams umrunden die Gruppe. Die Atmosphäre ist aufgeladen. "Es ist nie zu spät, umzukehren", ruft der eine Mann den Neonazis zu. "In ihrem Alter kann man sich noch ändern", appelliert der andere lautstark an die schwarz gekleideten Kurzhaarträger.  

Die beiden Männer sind Rüdiger Bender, Grünen-Stadtrat in Erfurt und Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde – zwei von etwa 150 Neonazi-Gegnern, die hier mit Sprechchören, Trillerpfeifen, Transparenten und Schildern gegen den NPD-Parteitag protestieren. Die angesprochenen Neonazis versuchen, die ungewollte Aufmerksamkeit stoisch zu ertragen. Ein mit Sturmmütze Vermummter pöbelt etwas. Dann verdrücken sie sich durch eine bewachte Pforte in die sogenannte Erlebnisscheune neben dem Romantischen Fachwerkhof.  

Doch romantisch ist in dem 750-Einwohner-Dorf Kirchheim heute nichts – trotz rustikaler Fachwerkhäuser und sonnigem Wetter. Den Hof schirmt eine mehrere Meter hohe Bretterwand ab, verbliebene Blickachsen ließ die öffentlichkeitsscheue NPD-Führung mit Kleintransportern verstellen. Die Organisatoren mussten den Bundesparteitag kurzerhand nach Thüringen verlegen, weil die Stadt Saarbrücken der Partei die gebuchte Veranstaltungshalle kurz vor knapp gekündigt hatte. Gäste wurden wieder ausladen, denn die Tagungsscheune in Kirchheim ist nur für 200 Gäste zugelassen.   

Während sich der Protestzug durch den Ort bewegt, sammeln sich in dem  rustikal sanierten Fachwerkbau 157 Delegierte in schwarz-rotem Ambiente unter mächtigem Holzgebälk. Mit 36 Helfern bleibt die Personenzahl im genehmigten Bereich, wie vom Ordnungsamt gerufene Polizisten auszählten. Dann treten Altkader Frank Schwerdt und NPD-Landeschef Patrick Wieschke ans Mikrofon, gefolgt vom designierten Parteichef Udo Pastörs – alle drei vorbestraft wegen szenetypischer Delikte. Hinter dem Podium zeigt ein Schild das Wahlkampfmotto "Festung Europa schaffen – Asylflut stoppen". 

In schwieriger Ausgangslage versucht die Partei des Deutschtums und der Nationalstaatlichkeit, ihre Kandidaten für die Europawahl zu bestimmen. Bundeschef Holger Apfel ging über Nacht von Bord – möglicherweise weggemobbt durch Parteikader, denen seine Strategie nicht radikal und völkisch genug war.

Die Kasse ist leer, wegen fehlerhafter Rechenschaftsberichte ist eine Millionenstrafe fällig, die Bundeszentrale entließ schon vor einem Jahr sämtliche Mitarbeiter. In Schwerin behält der Landtag wohl auch 80.000 Euro ein, weil die Fraktion einen Mitarbeiter beschäftigte, der offenbar nie im Landtag war. Das Bundesverfassungsgericht verhandelt dieses Jahr den NPD-Verbotsantrag der Bundesländer. Und in den Umfragen für die drei 2014 anstehenden Landtagswahlen liegt die Partei unter fünf Prozent.