Wo sind eigentlich die Ostdeutschen? Man erkennt sie nicht am Namen und am Beruf, nicht mehr an ihrer Kleidung und an der Frisur. Man könnte mittlerweile den Eindruck bekommen, es gebe sie gar nicht mehr. Ostdeutsch sind Beate Zschäpe und Joachim Gauck, Toni Kroos und Maybritt Illner. Was bitte soll das sein, ein Ostdeutscher?

Vor allem jemand, der sich zu tarnen gelernt hat. Die Ostdeutschen haben seit der Wende Jahre der Anpassung erlebt. Die meisten, die 1989 schon denken konnten, werden sich an das Gefühl erinnern, angesichts dieser glitzernden Richtigkeit des Westens das Falsche zu tragen und zu sagen. Fast ein ganzes Land beschloss damals, fortan die richtigen Schuhe zu tragen. Das war nicht die beste denkbare erste Lektion der Demokratie.

Eine halbe Generation ging in den Westen und lernte Westdeutsch. Vor ein paar Jahren noch konnte man vermuten, dass der Osten trotzdem personell diskriminiert wird. Inzwischen ist die Staatsspitze ostdeutsch, folgen werden irgendwann das Kabinett, die Daxkonzerne und das Verfassungsgericht. Zwei Systeme zu kennen, zu wissen, dass keines für ewig ist – das ist ein Vorteil für jeden, der es erlebt hat. So wird ganz Deutschland nach und nach ostdeutscher.

Beispiele? Da wäre die bundesweite Vermerkelung des deutschen Politikstils. Woher kommt es, dass heute kaum noch jemand Parteibuchmacker wie Clement, Schröder, Koch, Merz und Stoiber erträgt? Die professionelle Politikdeutung erklärt das vor allem mit dem Naturereignis Angela Merkel.

Ihre Ideologieskepsis, ihre Nüchternheit aber kommen aus dem Osten, wo seit Jahr und Tag Naturwissenschaftler und Ingenieure die Politik bestimmen, die sich hüten, als linke oder rechte Herzenspolitiker aufzutreten. Sie wissen, dass die ostdeutschen Wähler so etwas noch nie kauften. Die westdeutschen inzwischen auch nicht mehr.

Woher kommt es, dass der Glaube an Staat, Parteien, Presse und Konzerne in ganz Deutschland derart erodiert? Hat sich die im Osten schon lange verbreitete Institutionenskepsis in den Westen geschlichen? Und was ist mit dem schwindenden Einfluss der Kirche und ihrer Moralvorstellungen? Im Osten sind berufstätige Mütter, außereheliche Kinder und religiöses Unwissen perfekte Normalität. Es scheint, als würde der Westen nachziehen.

Niemand redet darüber

Die Ostdeutschen sind nicht nur auf dem Marsch durch die Institutionen, sondern auch durch die Dogmen. Doch niemand spricht darüber. Weder fordern die Ostdeutschen es ein, noch wollen die Westdeutschen damit konfrontiert werden. Einige wird es schon empören, dass in diesem Text überhaupt von Ost- und Westdeutschen die Rede ist.

In andere polarisierte Diskurse stürzen sich die Deutschen ja mit Leidenschaft. In der Dauerprügelei zwischen Achtundsechzigern und ihren Kindern und Vätern steht es aktuell unentschieden, die nächste Runde ist sicher nicht weit. Niemand aber fragt danach, wie dieses Fünftel an neuen Einwohnern Deutschland verändert.

Außer am 9. November. In diesem Jahr kommt der 25. Jahrestag des Mauerfall. Zu erwarten sind selige Politikerreden und Studien, die zeigen sollen, dass der Osten auf der soziologischen Landkarte kaum mehr zu erkennen ist. Vor allem die Jungen, wird es heißen, seien gar keine Ostdeutschen mehr. Das ist die deutsche Antwort auf die intellektuelle Herausforderung, zwei Gesellschaften zu vereinen.

Wo also sind die ostdeutschen Foren?

Zu jeder bayerischen Landtagswahl (und kaum weniger dazwischen) sind die Deutschen gezwungen, die politische Brauchtumspflege des Südens mit anzusehen. Warum sollten nicht auch die Ostdeutschen ihr Anderssein, ihre Widersprüche und inneren Kämpfe nach außen tragen?

Wo also sind die ostdeutschen Foren? Warum gibt es kein relevantes ostdeutsches Medium? Der Erfolg der ZEIT im Osten zeigt doch, wie groß der Bedarf an intelligenten Sprechern und einer Plattform mit Anspruch ist.

Wieso spricht niemand über ein Bundesland Ostdeutschland? Die Probleme der Länder ähneln sich und der Bevölkerungsschwund hat bereits ungezählte Gebietsreformen nötig gemacht. Ein gemeinsames Bundesland hätte gewaltigen Einfluss. Und wer behauptet, die landmannschaftlichen Unterschiede zwischen Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern seien zu groß, der soll sich nacheinander in zwei beliebige ostdeutsche Kneipen setzen und über den Osten diskutieren.

Neoliberaler als der Westen?

Wer das tut, kann Erstaunliches herausfinden. In diesem Jahr wird sich das weitere Schicksal zweier zutiefst westdeutscher Parteien ausgerechnet bei ostdeutschen Landtagswahlen entscheiden. FDP und AfD werden um Wähler buhlen, die im kollektiven Bild vom Ostdeutschen bisher nicht auftauchten: radikale Leistungsindividualisten, die Gewerkschaften, Betriebsräte und Arbeitslosengeld komplett ablehnen. Manche Soziologen sagen, es gebe im Osten mehr Anhänger der freien Marktwirtschaft als im Westen. Ist der sozialromantische und postkommunistische Osten am Ende gar neoliberaler als der Westen?

Im Interesse aller: Es wird Zeit für die Ostdeutschen, sich großzumachen. Nicht als Gesamtdeutsche, sondern als Ostdeutsche, deren Einfluss erkennbar werden muss. Sie tragen seit Langem die richtigen Schuhe. Es wird Zeit, in ihnen zu gehen.