Stefan Hartmann aus dem fränkischen Dorf Oberhaid ist der einzige katholische Pfarrer mit Pfarrerstochter. Das glaubt kein Leser, das glaubt auch kein Bischof, aber das ist die katholische Dialektik, von der Kirche und Medien leben. Hartmann jedenfalls ist der Einzige, der öffentlich vor einem Millionenpublikum von seiner Vaterschaft erzählt. Andere schreiben irgendwann ein Abrechnungsbuch, quittieren den Dienst am Altar und posieren nur für den Stern noch einmal mit Priesterkragen. Hartmann dagegen will Pastor bleiben. Der 59-Jährige kritisiert die Kirche von innen, er ist kein Zölibatsabschaffer und Zwangsbeglücker von außen. Er könnte etwas verändern, aber kaum einer will das. Am wenigsten die Kollegen.

Hartmann wurde 1982 zum Priester geweiht, sechs Jahre später bekam er seine erste Pfarrstelle. Einsam sei er damals gewesen, erzählt er. Er begann eine "Beziehung" zur Gemeindereferentin. Von Liebe mag er in keinem seiner vielen Interviews reden, auch in unserem Gespräch meidet er das Wort. Wir sind seit einiger Zeit über Facebook befreundet, Hartmann kommentiert dort häufig Texte aus Christ & Welt.

Als die junge Frau merkte, dass sie ein Kind von dem Geistlichen erwartete, waren die beiden schon kein Paar mehr. "Wenn die Beziehung gehalten hätte, hätte ich mich vielleicht anders entschieden, aber so war für mich klar, dass ich Priester bleiben will", erzählt Stefan Hartmann. Im September 1989 kam Katharina zur Welt. Ein Mann aus der Gemeinde meldete die folgenreiche Unkeuschheit dem Bischof, Hartmann wurde versetzt. Er arbeitete zunächst in Bad Säckingen, später als Hochschulseelsorger in Wien, 1996 kam er ins Erzbistum Bamberg, seit 2001 ist er Pfarrer von Oberhaid. 4500 Einwohner hat der Ort, 80 Prozent sind katholisch.

Der Dauerauftrag für den Unterhalt war über all die Jahre die einzige Beziehung zu seinem Kind. Bis Katharina ihm 2004 einen Brief schrieb. Dreieinhalb Jahre später sahen sich die beiden zum ersten Mal. Stefan Hartmann erzählte seiner Gemeinde 2008 von der Vaterschaft. Er wählte dafür einen vorweihnachtlichen Bußgottesdienst. Auf Facebook veröffentlichte er unter der Überschrift "Die Tochter" einen langen Text. "Meine Tochter" als Titel, schrieb er, wäre eine Lüge gewesen nach all dem Verdrängen und Verschweigen.

Er bekam viel Lob für seine Ehrlichkeit, aus der Gemeinde und von der Facebook-Community. Das Erzbistum Bamberg reagierte damals gelassen. Hartmann habe einmal gegen den Zölibat verstoßen, das sei kein Grund, ihn zu bestrafen.

"Ein Anachronismus"

Doch der Pfarrer entscheidet sich für eine noch größere Gemeinde. Vor zwei Wochen ist er Gast im Nachtcafé, einer beliebten Talkshow des SWR-Fernsehens. Er liest vor einer Million Zuschauern aus dem Brief der Tochter vor. Die Regie blendet das Foto einer jungen dunkelhaarigen Frau ein. Nicht das Kind sei die Sünde, sagte Stefan Hartmann in der Sendung, sondern das jahrelange Vertuschen.

Es ist ein gewinnender Auftritt: Ein bisschen zerknirscht, aber nicht selbstmitleidig sitzt der grauhaarige Mann da. Seine Stimme zittert manchmal, aber der Pfarrer bleibt eloquent. Moderator Wieland Backes fragte ihn nach dem Zölibat. "Ein Anachronismus", antwortet Hartmann. Einen Tag später, in unserem Gespräch am Telefon, ergänzt er: "Ein Anachronismus muss ja nichts Schlechtes sein", er wünsche sich nicht die Abschaffung, er wünsche sich, dass der Zölibat freiwillig sei.

Nach der Sendung kommen viele Fernsehteams nach Oberhaid. Der Bayerische Rundfunk, RTL und Sat 1 berichten. Die Kölner Boulevardzeitung Express macht Katharina in Uganda ausfindig. "Jetzt spricht die Pastoren-Tochter", steht auf der Titelseite. Stefan Hartmann wirbt für fast jeden Beitrag und jeden Artikel auf Facebook, auch die Absagen an Markus Lanz und die Bild-Zeitung postet er. Kaum hat er eine Neuigkeit zu verkünden, laufen die ersten Kommentare und Gefällt-mir-Daumen ein.