Reden wir nicht über Thilo Sarrazin. Reden wir über die vielen, die zustimmend seine Bücher kaufen. Über jene, die sich in den Kommentarspalten, auch von ZEIT ONLINE, über Zensur beklagen, und über die Mainstreampresse. Reden wir also über die vermeintlich schweigende Mehrheit, die doch so laut ist.

Um Zensur geht es natürlich nicht. Meinungsfreiheit heißt erst einmal, dass jeder frei sagen darf, was er denkt – nicht, dass irgendwer ihm zuhören muss. Es gibt kein Recht auf Publikum und schon gar nicht auf Zustimmung.

Jenseits dessen aber ist es ernstzunehmen, wenn Menschen das Gefühl haben, mit ihrer Meinung im öffentlichen Diskurs unterdrückt zu werden, sich im Abseits wähnen.

Woher kommt dieses Gefühl? Es ist ein Resultat zunehmender Sensibilität für Ungleichheit – und gleichzeitig wird öffentlicher Streit immer härter.

Erst zur Ungleichheit: Seit dem Ende der Klassentrennung bemühen sich aufgeklärte Gesellschaften darum, Ungleichheit oder Ungerechtigkeit zu minimieren oder zumindest zu kontrollieren. Sklavenhandel, Rassendiskriminierung, die Ausgrenzung von Frauen bei Wahlen, aber auch die Ausbeutung der frühen Industriearbeiter – all das wurde abgeschafft oder zumindest eingeschränkt.

Doch diese Aufmerksamkeit für Unterschiede hat eine mächtige Eigendynamik. Bald tauchen überall Ungleichheiten auf, die ja vielleicht auch bekämpft werden könnten. Erst hat die Gesellschaft gelernt, sich überhaupt um Opfer zu kümmern. Nun kann jeder ein Opfer sein. Eine Spirale kommt in Gang, die letztlich zum "Narzissmus der kleinen und kleinsten Differenz" führt. So nennen das Matthias Dusini und Thomas Edlinger in ihrem klugen Buch In Anführungszeichen über Political Correctness. Jeder kann sagen: Ich fühle da eine Ungerechtigkeit, das soll die Gesellschaft jetzt bitte ändern! Das gilt für die Verfechter politisch korrekt formulierter Kinderbücher ebenso wie für ihre Gegner.

Ohne Schrammen geht es nicht

Härter wird der Streit, weil keine Klassen und Institutionen mehr alles einteilen und regeln und nur die eigene Befindlichkeit als Richtschnur bleibt. Kirchen, Gewerkschaften, Parteien und Medien haben an Bindungskraft verloren. Früher haben sie in Reden und Leitartikeln die öffentliche Debatte weitgehend unter sich ausgetragen, gleichermaßen als Stellvertreter und Schutzschild für ihre Unterstützer. Heute wollen mehr Leute für sich selbst sprechen und können es dank offenerer Kommunikationsstrukturen (Internet) und flacherer Hierarchien auch. Wer aber in die Arena steigt, bekommt zwangsläufig Schrammen ab.

Härter wird es auch, weil sich alle Teilnehmer ständig gegenseitig streng auf die Finger klopfen. Seit den sechziger Jahren hat die Diskursanalyse dazu geführt, dass mindestens so wichtig ist, wer etwas sagt, wie was er sagt. Wissenschaftler wie Judith Butler haben dekonstruiert, welche Machtverhältnisse und Interessen hinter argumentativen Mustern stecken, die vorher unhinterfragt waren. Das gönnerhafte Mitleid mit hungernden Menschen in Afrika galt bald als Eurozentrismus, und wer Unterschiede zwischen Mann und Frau betont, steht unter Phallozentrismus-Verdacht.