Ausschnitt aus dem Film "Majorité Oprimée": Die Szene kurz vor der Vergewaltigung

Ein Mann, der wegen seiner kurzen Hosen von seiner Frau getadelt und von einer halbnackten Frau sexuell belästigt wird. Der von einer Polizistin nicht ernst genommen wird, als er eine Vergewaltigung zur Anzeige bringen möchte. Wo es das gibt? Im Kurzfilm Majorité Oprimée (Unterdrückte Mehrheit) wird mit umgekehrten Geschlechterrollen auf Missstände in unseren Gesellschaften mit ungewohnten Bildern hingewiesen: Gewalt gegen Frauen findet täglich und überall statt.

Die französische Filmemacherin Eléonore Pourriat hat die traditionellen Rollen von Männern und Frauen umgekehrt. Sie zeigt Männer, die nur über ihren Körper definiert werden, und Frauen, die gewalttätig sind und darüber Witze machen. Unterdrückte Mehrheit ist ein Internethit. Viral verbreitet sich das Video im Netz, mehr als 5,8 Millionen Klicks hat es allein auf YouTube. Und es zeigt Wirkung: User, die sich noch nie mit dem Thema Sexismus auseinandergesetzt haben, denken öffentlich und ernsthaft in ihren Kommentaren über das Problem nach. Die meisten der Nutzer jubeln über den Film, darunter sind viele Feministinnen. Doch hat der Film einen großen Haken – einen rassistischen Haken. 

Erstes Beispiel: Nachdem Pierre, die Hauptfigur im Kurzfilm, sein Kind in den Kindergarten gebracht hat, schließt er an einer Gasse sein Fahrrad ab, um ins Büro zu gehen. Eine Frau hockt pinkelnd im Weg. Eine sehr unangenehme und auch bedrohliche Situation: Die pinkelnde Frau gehört zu einer weiblichen Gang, die Pierre erst verbal beleidigt und dann vergewaltigt. "Du machst mich geil!", schreit ihm eine junge Frau zu, dann hält sie ihm ein Messer an den Hals. Was dabei auffällt: Die Mädchen haben alle schwarze Haare, sprechen ein migrantisches Französisch, wie in den Vorstädten von Paris und Marseille, sie heißen Samia und nicht Christine. Die unterschwellige Message: Achtung liebe Frauen, Araber sind Sexisten. Sie pinkeln auf der Straße. Sie werden Euch in einer Gasse festhalten, ausziehen, begrapschen und vergewaltigen.

Es ist aber nicht nur die Darstellung als Gewalttäter, die Araber diskriminiert. In einer anderen Szene spricht Pierre mit dem Kindergärtner Nissar. Er trägt neuerdings ein Kopftuch. Pierre hakt nach: "Ich will wirklich nicht unhöflich sein, aber fühlen Sie sich nicht eingeschlossen? Zuerst mussten Sie Ihren Schnäuzer dann ihren Bart abrasieren, nun müssen Sie das tragen!" Nissar zuckt mit den Schultern, es sei nun mal so und er unterwerfe sich dem Gesetz Gottes. Was für ein Klischee: Natürlich werden Frauen und Mädchen auch gezwungen, das Kopftuch zu tragen und ihnen sollte geholfen werden. Dies ist aber kein Grund, alle kopftuchtragenden Frauen als naive, unselbstständige und verletzbare Opfer darzustellen.

Weißdominierter Feminismus

Es sind diese zwei Schlüsselszenen, denen Regisseurin Eléonore Pourriat einen prominenten Platz in ihrem Kurzfilm zukommen lässt und die viel erzählen über die Vorurteile eines weißdominierten Feminismus, der nie die Sensibilität aufbringen konnte auch in anderen Kategorien zu denken. Denn Intersektionalität ist ein langes Fremdwort. Allerdings als Konzept wichtig, wenn wir um Diskriminierung und Machtverhältnisse streiten.

Intersektionalität meint, dass jeder Mensch wie auf einer Kreuzung betrachtet werden kann. Viele Wege und Straßen führen auf die Verkehrsinsel in der Mitte, die seine Persönlichkeit, seine Handlungsspielräume und seine verletzbaren Stellen ausmacht. Es reicht nicht, nur in der Kategorie Gender zu denken. Rasse, Klasse, Gesundheit und eben Machtverhältnisse spielen immer auch eine Rolle. 

In Frankreich, der Entstehungsort des Films, wird über Rassismus derzeit ganz anders diskutiert als in Deutschland. So spielt die Frage zwar keine Rolle, ob Menschen mit nicht-urfranzösischer Abstammung tatsächlich Franzosen sind. Der Rassismus bei unseren Nachbarn nimmt aber zu und wird salonfähig. So gehen etwa Hunderttausende Menschen auf die Straße, getrieben von Homophobie, Rassismus und Angst vor dem "Fremden". Und der rechtspopulistische Front National könnte bei den bevorstehenden Europawahlen stärkste Kraft werden.