Erzbischof André-Joseph Léonard und seine drei Hilfsbischöfe haben zum Beten, Fasten und zu Mahnwachen aufgerufen. Denn das belgische Parlament wird am heutigen Donnerstag abstimmen, ob die Altersgrenze für Sterbehilfe künftig entfällt. Egal, wie es ausgeht, der Bischof hat Recht, wenn er sagt: "Belgien steht nicht oft im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit. Aber in diesem Fall richten zahllose Medien aus mehreren Kontinenten ihre Augen auf unser kleines Land."

Léonard will das verhindern, denn Sterbehilfe für Minderjährige bedeutet für ihn, dass das "fundamentale Verbot" übertreten werde, ein unschuldiges menschliches Wesen zu töten. Das Oberhaupt der belgischen Katholiken richtet seinen Appell auch an Gläubige anderer Religionen, Agnostiker und Atheisten: "Es ist höchste Zeit, aber noch nicht zu spät!"

Viel Aussicht auf Erfolg dürfte die Aktion nicht haben: Je nach Umfrage befürworten bis zu 85 Prozent der Bevölkerung Sterbehilfe. Zwischen 70 und 75 Prozent sind dafür, dass das 2002 verabschiedete "Euthanasiegesetz", wie es in beiden Landessprachen genannt wird, auf Minderjährige ausgedehnt wird. Auch in den Niederlanden, wo Sterbehilfe schon 2001 legalisiert wurde, werden Jugendliche ab dem 12. Lebensjahr nicht ausgenommen. In Luxemburg, das 2009 als drittes Land ein Sterbehilfegesetz erließ, ist dies mit Zustimmung der Eltern ab 16 möglich.

Das mentale Alter zählt

In Belgien, wo nicht nur die Bevölkerung, sondern auch eine Parlamentsmehrheit aus Sozialdemokraten, Liberalen, Grünen und Flämisch-Nationalisten für die Ausweitung des Gesetzes ist, soll es keine Altersgrenze geben, sondern die "vollständige Willensfähigkeit". Ein offener Brief von Kinderärzten, die das Gesetz befürworten, verwies bereits im November auf die Reife, die junge Patienten durch ihr schweres Schicksal erreichen würden. Sie plädieren dafür, das "mentale Alter statt des kalendarischen Alters" als Kriterium zu nutzen. Um das festzustellen, soll allerdings neben der Einwilligung der Eltern und mehrerer Ärzte auch ein psychologisches Gutachten nötig sein.

Ganz anders sieht das eine Gruppe von 160 Kinderärzten, die kurz vor dem Beschluss noch einen Stimmungsumschwung herbeiführen will. Für eine Gesetzesänderung sei eine gründlichere Debatte nötig, schrieben sie Anfang der Woche in einem Brief an den Parlamentsvorsitzenden André Flahaut. Ihr Argument ist, dass die Impulsivität von Minderjährigen zwar zu einer milderen Strafe führt, wenn sie Verbrechen begehen. "Aber für die Sterbehilfe soll sie kein Hinderungsgrund sein", beklagt Stefaan Van Gool vom Universitätskrankenhaus Löwen. Die Ärzte fordern, die Abstimmung auf die nächste Legislaturperiode zu verschieben.