Der deutsche Kardinal Walter Kasper © Franco Origlia/GettyImages

Angst geht um in der katholischen Kirche. Nichts ist mehr sicher. Ein liberaler Altbischof konnte die Kirchenspitze indoktrinieren – so sehen es Konservative. Und sie sind froh, dass er es nur hinter verschlossenen Türen tat. Allerdings mit höchstem Lob von Papst Franziskus. Den darf man nicht kritisieren. Denn er kann unfehlbar entscheiden. Jedenfalls müssen Katholiken das glauben. Und die Unfehlbarkeit färbt ab auf alles, was er sagt.

Franziskus hatte die 120 Kardinäle der Weltkirche nach Rom eingeladen, um eine Bischofssynode im Herbst vorzubereiten. Die soll sich fragen, wie die katholische Kirche künftig mit Familien umgeht. Zum Referat vor den Kardinälen hatte der Papst Walter Kasper eingeladen, der früher Ökumeneminister des Vatikans und davor Bischof in Stuttgart war. Kasper redete zwei Stunden lang. Was der Kurienkardinal, einer der besten Theologen seiner Kirche, sagte, soll nach Roms Willen geheim bleiben. Also muss es brisant sein. Der Papst vergab Bestnoten und rühmte, Kasper denke mit der Kirche.

Daher muss Kaspers Referat veröffentlicht werden, fordert die Reformgruppe Wir sind Kirche. Es gebe keine Gründe, den Text "Theologen und Theologinnen sowie dem Kirchenvolk in aller Welt vorzuenthalten oder nur in Teilen durchsickern zu lassen", sagte Sprecher Christian Weisner gegenüber ZEIT ONLINE. Die Gruppe erinnert daran, dass Kasper schon 1993, als Stuttgarter Bischof, einen Vorstoß für die wiederverheirateten Geschiedenen unternahm. Zusammen mit seinen Nachbarbischöfen Karl Lehmann und Oskar Saier plädierte er dafür, sie nach einer Bußzeit zur Eucharistie zuzulassen und sie nicht auszuschließen, wie es bis heute Vorschrift ist. Denn nach katholischem Verständnis ist die Ehe unauflöslich. Wer sich scheiden lässt und ein zweites Mal heiratet, bricht seine erste Ehe.

Das ist neben dem Leben, finden immer mehr Katholiken, auch Priester. Auch Wir sind Kirche lobt den Vorstoß von damals: Eine "von Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit getragenen Regelung". Doch der Chef der Glaubenskongregation im Vatikan fegte die Initiative der drei Bischöfe vom Tisch. Er hieß Joseph Ratzinger. Er konnte nicht verhindern, dass Priester heute die Eucharistie an alle austeilen – und dass manche von ihnen die Partner einer zweiten Ehen segnen oder auch homosexuelle Partnerschaften. Aber die Lehre blieb starr. Und wer bei der katholischen Kirche arbeitet und noch einmal heiratet oder eine homosexuelle Partnerschaft eingeht, muss fristlos entlassen werden.

Kasper kennt nicht nur das Problem von Ehen und Partnerschaften genau. Als früherer Ökumeneminister weiß er auch, wie die katholische Kirche ihre Meinung ändern kann. Denn noch 1928 verbot Papst Pius XI. der katholischen Kirche jede ökumenische Betätigung. Nur 25 Jahre später fegte das zweite Vatikanische Konzil das Nein vom Tisch. Und heute sagt der Vatikan: Ohne Bemühung um die Einheit der Christen wäre die Kirche nicht Kirche.   

Konservative Kräfte fürchten Kurswechsel

Bei der Familie dauern die Kämpfe bis heute. Der heutige Chef der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, wurde gerade zum Kardinal erhoben. Was Ehe und Familie angeht, denkt er genau wie sein Vorvorgänger Ratzinger. Er sieht die Lösung ganz woanders. Die katholische Kirche hat Ehegerichte. Die könnten öfter Ehen annullieren, wenn die Partner keinen Ehewillen nach katholischem Verständnis gezeigt hätten. Im November noch wies er den Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch zurecht. Der hatte zugelassen, dass in seinem Bistum der Vorschlag verbreitet wurde, die zweite Ehe wenigstens zu segnen. Müller sah darin einen Verstoß gegen katholische Lehre.

Da muss Waffengleichheit her, fordert Weisner. Müller darf öffentlich Reformen bekämpfen, Kasper muss hinter verschlossenen Türen reden. Das passt, sagt Wir sind Kirche, nicht zu der Transparenz, mit der der Vatikan die Bischofssynode vorbereitet. Unter anderem hatte er die nationalen Bischofskonferenzen per Fragebogen um Auskunft gebeten, wie es die Katholiken mit der Ehelehre ihrer Kirche halten. Mit vernichtendem Ergebnis. Wo immer Ergebnisse bekannt wurden, zeigte sich, dass Gläubige die Lehre ihrer Kirche nicht mehr ernst nehmen. Sie wehren sich auch dagegen, dass der Vatikan in ihre Schlafzimmer hineinregieren will. Hat der Papst Angst bekommen? "Die Geheimhaltung des Referates von Kardinal Kasper würde den bisher transparenten Vorbereitungsprozess unterlaufen", sagt Wir sind Kirche.

Konservative Gruppen sind da ganz anderer Ansicht. Das Portal Katholisches fürchtet eine Vorentscheidung, weil der Papst Kasper eingeladen hat. Der aber sollte, so hieß es im Vatikan, keine Positionen, sondern Fragen vorbringen. "Eine Vorgabe, an die sich der deutsche Theologe nur bedingt gehalten zu haben scheint ", fürchtet Katholisches. Was er meint, hat Kasper schon mehrfach gesagt: eine Regelung "zwischen Rigorismus und Laxismus". Letzteres bezeichnet eine katholische Haltung, die die kirchlichen Vorschriften im Konflikt beiseite schiebt. Das wollte Kasper noch nie. Aber er kämpft dafür, die Gegenwart ernst zu nehmen und darauf eine Antwort zu finden. Er ist immer bei seinem Vorschlag von 1993 geblieben.