Ein Hindernisparcours gedenkt Frauen, die von ihrem Ehemännern ermordet wurden. © Eliseo Fernandez/Reuters

ZEIT ONLINE: Für eine große Studie zum Thema Gewalt gegen Frauen hat die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) 42.000 Frauen in 28 Ländern befragt. Ein Drittel gibt an, seit der Jugend körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Was rechnet die FRA-Studie denn alles zu Gewalt?

Katya Andrusz: Es wurde nach körperlicher und sexueller Gewalt in der Familie, von Partnern, aber auch von Nicht-Partnern gefragt. Zur sexuellen Gewalt zählen Vergewaltigung und sexuelle Belästigung. Wir haben auch zu Gewalt gegen Frauen in der Kindheit gefragt und, was ich sehr wichtig finde: psychischer Gewalt, Hohn und Nachstellungen im Netz und den neuen Medien. Das betrifft vor allem junge Frauen stark. 

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, dass sich die Frauen Ihnen anvertraut haben?

Andrusz: DieUmfrage war geheim und anonymisiert. Nur Frauen haben die Interviews geführt und sie sind zu den Befragten nach Hause gegangen. In ihrem Zuhause haben die Befragten offener gesprochen. Stellen Sie sich vor, wie schwer es den Frauen fallen muss, wenn sie die Gewalttat anzeigen wollen, auf der Polizeiwache mit einem Mann darüber zu sprechen. Und in kleinen Ortschaften auf dem Land kommt hinzu, dass die Frauen befürchten, ihr Mann, ihre Familie oder auch der Täter könnte davon erfahren, wenn sie zur Polizei gehen. Manchmal ist der Ehemann ja auch der Täter. Da ist die Angst besonders hoch.

ZEIT ONLINE: In den skandinavischen Ländern Dänemark, Schweden und Norwegen haben die Frauen häufiger über ihre persönliche Gewalt-Erfahrungen gesprochen als in anderen Ländern. Woran liegt das? 

Andrusz: Es gibt da verschiedene Erklärungen. Eine davon ist, ob es in der Gesellschaft kulturell akzeptiert ist, über Gewalt gegen Frauen zu sprechen. Wenn das stark tabuisiert ist, wie es in manchen Ländern in der EU noch der jeden Fall ist, dann geben Frauen weniger oft an, von Gewalt betroffen zu sein. Die Studie zeigt, dass kein Land mit sich zufrieden sein kann. Aber generell gilt, dass in den Ländern, in denen die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern höher ist, die Frauen eher bereit sind, darüber zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt das Strafrecht, wenn es um die Bereitschaft geht, über Gewalt zu reden?

Andrusz: Das ist je nach Land verschieden. Ein Beispiel dafür ist der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, die kulturell recht ähnlich sind. In Österreich war Vergewaltigung in der Ehe bis 1989 kein Strafbestand – und in Deutschland erst seit 1997. Zum Vergleich sind in Dänemark und Schweden ähnliche Gesetze schon in den 1960er Jahren eingeführt worden.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es mit dem Opferschutz aus? Gibt es da ein Land, mit dem Sie zufrieden sind?

Andrusz: In den Niederlanden und in den skandinavischen Ländern gibt es oft geschultes Polizeipersonal und Behörden, zu denen Gewaltopfer gehen können. Das ist in vielen EU-Mitgliedsstaaten nicht der Fall. Das ist ein Fortschritt, aber wir wollen ja eigentlichen Maßnahmen treffen, damit die Gewalt gar nicht erst stattfindet. Kein Land der EU kann sich zurücklehnen und sagen: Wir machen es gut. Es wäre zu begrüßen, wenn die Staaten bald die Istanbul-Konvention unterzeichnen würden. Dort geht es nicht nur um die Opfer, sondern auch um die Prävention von Gewalt an Frauen. Bislang haben aus der EU nur Österreich, Italien und Portugal unterzeichnet.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Studie berichten 22 Prozent aller Frauen in der EU von Prügel, Nötigung und selbst Vergewaltigung durch Partner oder Ehemänner. Wie viele dieser Gewaltakte zeigen Frauen denn bei der Polizei an?

Andrusz: Die Zahl ist wirklich sehr gering. Wir haben festgestellt, dass die Frauen eher zum Arzt gehen und dort die Gewalt melden. Eine überwiegende Mehrheit der Frauen fände es akzeptabel, wenn Ärzte routinemäßig zum Thema Gewalt nachfragten, wenn Patientinnen bestimmte Verletzungen oder Merkmale aufweisen. Ein Arzt des Vertrauens, der Informationen seiner Patientinnen weitergibt, das könnte ein Teil der Lösung sein. Und man muss auch die Männer mit in das Gespräch einbinden. Die Einstellung muss sich ändern, und zwar in der ganzen Gesellschaft.