Hang Le Thi hat Frühschicht. Seit sechs Uhr ist sie auf den Gängen des Münchner Leonhard-Henninger-Altenheims unterwegs. Gerade hilft die 23-jährige Vietnamesin Leopoldine Paulus bei der Morgenwäsche und föhnt ihre nassen Haare. Vorsichtig fährt sie mit einer Bürste durch die weißen Haare der 92-Jährigen. Dann stellt Hang den Föhn aus und hebt ihre Stimme, damit Paulus sie gut hören kann: "Wollen sie Zeitung lesen?", fragt Hang. "Zeitung", wiederholt sie, nachdem Paulus nur nach oben schaut. Das "Z" auszusprechen fällt Hang noch schwer. Manchmal hört es sich eher an wie ein "S". "Zeitung, ach ja, jaja." Paulus nickt.

Hang Le Thi ist seit sieben Monaten in Deutschland und macht in München eine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft, so die offizielle Bezeichnung. Für einen Job, den viele Deutsche nicht machen möchten, hat sie ihre Heimat verlassen. Mit ihr sind rund hundert weitere junge Vietnamesen nach Deutschland gekommen, alle im Rahmen eines Pilotprojektes im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Auch auf den Philippinen oder in Tunesien sucht Deutschland mittlerweile Pfleger für seine Alten. Kann durch solche Projekte der Pflegenotstand in Deutschland behoben werden?

Tausende Stellen in der Altenpflege sind unbesetzt

Sicher ist: Deutschland altert. Aktuell gibt es etwa 2,4 Millionen pflegebedürftige Menschen. Bis 2030 wird die Zahl auf 3,4 Millionen steigen, schätzen Experten. Doch wer soll sie pflegen? Schon heute fehlen Fachkräfte. Über 8.500 offene Stellen in der Altenpflege zählte die Bundesagentur für Arbeit im Januar 2014 deutschlandweit. Die Situation wird sich nicht entspannen, prognostiziert eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums. Im Gegenteil. Deutsche und Fachkräfte aus der EU können den Bedarf an Altenpflegern laut Studie gar nicht mehr decken. Deshalb erweitert Deutschland den Suchradius.

Vietnam ist ein junges Land. 60 Prozent der Bevölkerung sind nach 1975 geboren. Die Löhne sind niedrig und Menschen, die eine Ausbildung im Gesundheitssektor gemacht haben, finden in Vietnam nur schwer einen Job. Es gibt zu viele von ihnen. Auf die deutsche Ausschreibung bewarben sich über 1.000 Vietnamesen. Eine Jury wählte Hang aus. Wie alle Projektteilnehmer ist sie gut ausgebildet: 12 Jahre Schule, danach eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. In München fängt sie nochmal neu an. Trotzdem sei die Ausbildung eine Chance für sie, sich weiterzuentwickeln, sagt Hang. Die Eltern daheim seien "sehr stolz" auf die Tochter, die jetzt in Deutschland arbeitet.

Hang Arbeitstag ist dicht getaktet. Bewohner waschen, Frühstück bringen, Betten machen, Medikamente geben. Wenn die zierliche Frau in ihrem leuchtend roten Kittel durch die Gänge des Altenheims läuft, wippt ihr Pferdeschwanz im Takt der schnellen Schritte mit. Pünktlichkeit ist den Bewohnern wichtig, sagt Hang. Im Zimmer von Leopoldine Paulus ist dennoch Zeit für ein Küsschen auf die Wange, ein kurzes Gespräch. Paulus mag die junge Vietnamesin. Wenn Hang ein Wort nicht einfällt, hilft Paulus weiter. Hang lacht dann. Paulus auch. "Wir kommen leider zu selten dazu, uns zu unterhalten", sagt Paulus. "Die Pflegerinnen haben immer so viel zu tun." Paulus findet nichts dabei, dass ihr eine Vietnamesin hilft, keine Deutsche.

Nach der Ausbildung kann Hang bleiben

Eine Bewohnerin gebe es, sagt Hang, die lasse sich nicht von ihr pflegen. Mit ihrer Herkunft aber habe das nichts zu tun, sagt sie. Die Frau habe generell ein Problem damit, sich Auszubildenden anzuvertrauen. Die hätten schließlich noch keine abgeschlossene Lehre.  

Knapp tausend Euro verdient Hang während der Ausbildung, Flug und Unterbringung in München übernehmen die deutschen Partner. Ihr Arbeitgeber ist die Innere Mission München. Ihre Chefs hoffen, dass die Vietnamesin nach der Ausbildung bleibt. "Von uns aus wird Hang sicher übernommen", sagte Frank Chylek. Er leitet das Leonhard-Henninger-Heim, in dem Hang arbeitet. Er ist begeistert davon, wie offen Hang auf die Bewohner zugeht, wie gewissenhaft sie arbeitet.