Gerichtsmediziner kümmern sich im Hafen des sizilianischen Agrigento um die Särge toter Flüchtlinge aus Lampedusa. © Marcello Paternostro/AFP/GettyImages

Einzelne Meldungen über die Flucht Tausender Menschen nach Europa finden sich jeden Tag in den Nachrichten. Zusammenfassende Zahlen, wie viele Menschen sich aus Afrika, dem Nahen Osten oder Asien auf den Weg gemacht haben und bei ihrer Flucht gestorben oder verschollen sind, findet man hingegen nicht bei der Behörde Frontex, die für die Überwachung der EU-Außengrenzen zuständig ist.

Eine Gruppe europäischer Journalisten ist genau dieser Frage nachgegangen und hat nun Zahlen über das Ausmaß des alltäglichen Flüchtlingsdramas vorgelegt. So kommen die Rechercheure im Rahmen ihres Projekts The Migrants' Fileszu dem Ergebnis, dass seit dem Jahr 2000 etwa 23.000 Menschen auf ihrer Flucht auf den europäischen Kontinent gestorben sind oder als vermisst gelten.

Bislang gehen Schätzungen von 17.000 bis 19.000 Opfern seit den 1990er Jahren aus. Die tatsächliche Zahl dürfte sogar noch weit höher sein als die nun neu ermittelte, da viele Fälle in keiner Statistik und in keinem Medienbericht dokumentiert sein dürften.

Erstmals Daten zusammengefasst

Die Journalistengruppe stützt sich bei ihren Recherchen vor allem auf die Zahlen der Non-Profit-Organisation United For Intercultural Action. Darüber hinaus hat sie auch die Erkenntnisse des Journalisten Gabriele del Grande herangezogen. Der Italiener betreut das Projekt Fortress Europe, wo er die Zahl toter und vermisster Migranten auflistet. Zur Überprüfung all dieser Informationen nutzten die Journalisten – unter anderem von der Neuen Zürcher Zeitung, von Le Monde diplomatique oder L'Espresso – öffentlich zugängliche Quellen wie etwa Medienbeiträge oder Regierungsdokumente. Das geprüfte Material wurde schließlich in einer einzigen Datenbank gesammelt und nun veröffentlicht.

Die Daten lassen auch Rückschlüsse auf die vielen verschiedenen Routen zu, die die Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa nehmen – und die die Schmuggler anbieten, um ihr Geschäft mit dem Menschenhandel aufrecht zu erhalten. Letztere zeigen sich dabei sehr flexibel und passen sich den ständig veränderten Rahmenbedingungen wie Jahreszeit, regionalen Konflikten und Kriegen an. So verschieben sich die Routen, die präferierten Ziele in Europa variieren demnach von Spanien über Italien bis Griechenland.

Schmuggler höchst flexibel

Seit kurzem sind die griechischen Inseln Kreta und Kos ein Anlaufpunkt für Flüchtlinge. Weit mehr hoffen auf die Überfahrt zur italienischen Insel Lampedusa und das Entkommen aus den spanischen Exklaven in Nordafrika, Ceuta und Melilla. Erst Anfang März hatten etwa 500 Menschen versucht, den Zaun zwischen Marokko und Melilla zu überwinden. Derzeit halten sich schätzungsweise 25.000 Menschen aus der Region südlich der Sahara in Marokko auf.

Die Flüchtlings- und Asylpolitik der Europäischen Union steht schwer in der Kritik. Nichtregierungsorganisationen monieren, dass diese einseitig an der Abwehr und Kontrolle von Zuwanderern ausgerichtet sei. Es fehlten über das offizielle Bedauern von Toten und Verletzten hinaus sinnvolle Konzepte zur Bewältigung des Problems.