Jede dritte Frau in der EU hat seit ihrer Jugend körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt – das sind etwa 62 Millionen. Fünf Prozent davon sind vergewaltigt worden, heißt es in einer Studie der EU-Grundrechte-Agentur (FRA).

Die höchste Gewalt-Rate meldeten Frauen der Studie zufolge in Dänemark (52 Prozent), Finnland (47 Prozent) und Schweden (46 Prozent). Das weist den Autoren zufolge aber nicht unbedingt darauf hin, dass es in diesen Ländern mehr Übergriffe gibt – es würden aber mehr zur Anzeige gebracht. Bei stärkerer Gleichberechtigung der Geschlechter würden Frauen offener über Gewalt sprechen.

In Polen, Österreich und Kroatien gab es mit jeweils rund 20 Prozent am wenigsten Anzeigen wegen Gewalt gegen Frauen. Deutschland liegt mit 35 Prozent etwas über dem EU-Schnitt (33 Prozent).  

Die Übergriffe ereignen sich demnach oft in den eigenen vier Wänden: 22 Prozent aller Befragten gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch den Partner erfahren zu haben. Zu körperlicher Gewalt zählt die Studie etwa, wenn Frauen geschlagen, an den Haaren gezogen, geschubst oder mit harten Objekten attackiert werden. Dagegen vorzugehen, wagen wenige: Viele Befragte gaben an, sie würden aus Scham nicht zur Polizei gehen.

Sexuelle Belästigung oft am Arbeitsplatz

Noch verbreiteter als die körperliche Gewalt sind der Studie zufolge sexuelle Belästigungen. Insgesamt gaben schätzungsweise zwischen 83 und 102 Millionen Frauen an, bereits sexuell belästigt worden zu sein. Das sind zwischen 45 und 55 Prozent aller Frauen in der EU. Der Zahlenunterschied ergibt sich daraus, dass es bei den Befragten unterschiedliche Ansichten darüber gab, ob Annäherungsversuche, sexistische Witze oder ungewollt per SMS zugesandte Nacktfotos bereits eine sexuelle Belästigung sind.

Die sexuellen Übergriffe beginnen mitunter schon in der Kindheit: 12 Prozent der Befragten gaben an, vor ihrem 15. Lebensjahr sexuell belästigt worden zu sein. In Deutschland waren es 13 Prozent. Sechs Prozent berichteten demnach über versuchte Vergewaltigungen. Eben so viele Frauen machten bei sexuellen Aktivitäten mit, weil sie Angst vor möglichen Konsequenzen hatten.

Oftmals ereignen sich sexuelle Übergriffe der Studie zufolge am Arbeitsplatz – betroffen sind dabei Frauen aller sozialer Schichten. Besonders oft berichteten gut ausgebildete Frauen in Spitzenpositionen von Belästigungen. Dies könnte aber damit zusammenhängen, dass sie Grenzüberschreitungen eher ansprechen.

"Das enorme Ausmaß des Problems verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur einige wenige Frauen betrifft, sondern sich tagtäglich auf die gesamte Gesellschaft auswirkt", sagte FRA-Direktor Morten Kjaerum. "Frauen sind nicht sicher auf den Straßen, am Arbeitsplatz und schlussendlich auch nicht zu Hause, dem Platz, an dem sie Schutz finden sollten." Für die Studie wurden 42.000 Frauen im Alter zwischen 18 und 74 Jahren befragt.