Uli Hoeneß am 10. März 2014 im Gerichtssaal © Sven Hoppe / AP / dpa

ZEIT ONLINE: Nach einem schweren Raubüberfall drohen drei Jahre Gefängnis. 3,5 Jahre hat Uli Hoeneß bekommen. Wiegt Steuerhinterziehung auch moralisch schwerer?

Julius Schälike: Nein, aber bei der Strafzumessung geht es nicht allein um die moralische Schuld, sondern auch um das Gemeinwohl. Steuerhinterziehung ist sozial schädlich, der Staat muss sich wehren und Anreize schaffen, Steuern ordnungsgemäß zu zahlen.

ZEIT ONLINE: Warum müssen Steuerhinterzieher hart bestraft werden?

Julius Schälike: Die Sanktionen sollen Menschen motivieren, ihren moralischen Pflichten nachzukommen, also ihren fairen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Es ist weitgehend akzeptiert, dass der Staat Steuern auch deshalb erhebt, damit er soziale Ziele realisieren kann. Das funktioniert grundlegend durch Umverteilung, das heißt: Bessergestellte finanzieren Leistungen für Schlechtergestellte. Dadurch entsteht ein soziales Netz und im Idealfall Chancengleichheit, zum Beispiel bei der Bildung. Außerdem wird die Ungleichheit gedämpft, auch dies ist ein moralisch wichtiges Ziel.

ZEIT ONLINE: Wem gegenüber hat sich Uli Hoeneß schuldig gemacht?

Julius Schälike: Man muss unterscheiden zwischen moralischer Schuld und sozialem Schaden. Es gibt die Meinung, man solle Steuerdelikte nicht unter moralischen Gesichtspunkten bewerten, da niemand direkt geschädigt wird: Wenn ein paar Tausend Euro in der Staatskasse fehlen, würden eben etwas mehr Schulden gemacht. Diese Sichtweise ist problematisch, wird bei einem Betrag von 27 Millionen allerdings vollends unplausibel. Für dieses Geld hätte der Staat etliche Kitas einrichten und viele Erzieher einstellen können. Hoeneß hat sich gegenüber denjenigen schuldig gemacht, die auf die staatlichen Dienste, die mit seinem Geld hätten finanziert werden können, verzichten mussten. Wer das konkret ist, lässt sich zwar nicht identifizieren, doch es gibt diese Menschen. Aber auch unabhängig von der Frage, wer die Opfer der Steuerhinterziehung sind, lässt sich eine moralische Schuld erkennen. Hoeneß hat seinen fairen Teil an der Finanzierung des Gemeinwesens nicht zahlen wollen. Damit erlangte er einen unfairen Vorteil gegenüber denen, die ihre Steuern korrekt gezahlt haben. Die moralische Schuld ist desto größer, je gravierender der Verstoß gegen diese Fairnessnorm ist. Da Hoeneß die Vorteile der Institutionen des Staates genossen hat, ohne seinen fairen Beitrag zu leisten, kann man ihn durchaus als Sozialschmarotzer sehen – auch wenn er selbst dies im Prozess zurückgewiesen hat. Er mag beträchtlich gespendet haben, aber unter dem Strich bleibt er riesige Beträge schuldig.

ZEIT ONLINE: Warum machen wir beim Strafmaß einen Unterschied zwischen 280.000 Euro und 28 Millionen Euro hinterzogener Steuern – angenommen, beide Personen hätten prozentual gleich viel Geld unterschlagen?

Julius Schälike: Wegen des unterschiedlichen sozialen Schadens. Es ist ja viel schlimmer, wenn dem Staat 27 Millionen entgehen, als wenn es nur 280.000 sind. Entsprechend wäre Hoeneß’ moralische Schuld geringer gewesen, wenn er weniger hinterzogen hätte. Was die Frage der Fairness betrifft, so kann die Schuld von dem, der 280.000 Euro hinterzieht, allerdings genauso groß sein wie die von Hoeneß, sofern diese Summen prozentual in Relation zu ihrem fairen Anteil gleich sind.