Unterstützer Hans-Jürgen Brennecke mit dem afghanischen Asylbewerber Ramesh Khanna im Lüneburger Heim. © Friederike Schröter/ZEIT ONLINE

Fast wäre die Sache mit den Flüchtlingen auch in Lüneburg schief gegangen, wie an so vielen Orten in Deutschland. Als im letzten Jahr all die Menschen aus Syrien, Afghanistan, den Westbalkanländern und Afrika kamen, stand die beschauliche Stadt in Niedersachsen vor einem Platzproblem. Über 100.000 Erstanträge auf Asyl registrierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge landesweit – fast doppelt so viele wie im Jahr 2012. Weit über 100 neue Flüchtlinge kamen nach Lüneburg. Plötzlich war das alte Asylbewerberheim am Stadtrand voll, ein neues musste her. Bereits die Planungen sorgten für Unmut in der Bevölkerung.

Viele vergleichbare Fälle spitzen sich zu, Gegner sammeln Unterschriften, die NPD marschiert auf und immer öfter fliegen auch Steine oder Brandsätze. Die Zahl der Angriffe auf Asylbewerberheime in Deutschland hat sich von 2012 auf 2013 verdoppelt

In Lüneburg aber geschah das Gegenteil. Studenten, Senioren, Sozialarbeiter und viele andere Freiwillige vernetzten sich und warben um Unterstützung für die Flüchtlinge. Stadt und Aktivisten konnten den Gegnern ihre Sorgen nehmen. Bis heute gab es keine Übergriffe auf die Asylbewerber, im Gegenteil, die Stimmung in der Stadt ist ihnen gegenüber bemerkenswert freundlich geworden.

Den Unterschied macht in Lüneburg ein Unterstützer-Netzwerk, das beispielhaft werden könnte in einem Land, das im Kern immer noch an einer Asylpolitik aus dem 20. Jahrhundert festhält. Das Fachkräfte herbeisehnt und geflüchtete Elektroingenieure wieder in den Iran ausweist. Das türkische Studenten an seinen Hochschulen zu IT-Fachleuten ausbildet und sie mit dem Abschluss zurück in ihr Heimatland schickt. Das Beratung für Flüchtlinge nicht vorsieht oder gar untersagt.

"Dieses Nicht-Wissen", sagt Aigün Hirsch aus Georgien, "es ist das Schlimmste". Sie erinnert sich gut an ihre Angst, als sie vor 12 Jahren mit dem Zug durch Deutschland fuhr. Durch ein Land, das sie nicht kannte und nicht kennenlernen wollte, immer tiefer in den Wald hinein, an ihrer Seite nur der Vater, Mutter und Geschwister Tausende Kilometer entfernt. Sie hatte Angst, als sie auf dem mit Stacheldraht umzäunten Gelände ankam und nicht wusste, ob hier Endstation war. Sie hatte Angst, als sie sich vor den fremden Menschen nackt ausziehen musste, sie, die 16-jährige Muslimin, und ihr niemand sagte, wozu. "Wenn man in Deutschland ankommt, passieren ständig Dinge, doch sie werden einem nicht erklärt."

Dinge, die man besser nicht sagt

Die Flüchtlinge geraten in ein System, das sie nicht verstehen. Sie wissen nicht, dass sie nach einem Quotensystem dem Auffanglager eines bestimmten Bundeslandes zugewiesen werden. Dass sie dort nur einige Wochen bleiben und dann auf die Asylbewerberheime der Kreise und Länder verteilt werden. Sie kennen die Abläufe nicht, nicht ihre eigenen Rechte und Pflichten. Sie haben keine Ahnung, dass man manche Dinge in Gesprächen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge besser nicht sagt. Und die meisten rechnen nicht damit, dass die deutschen Asylgesetze dazu ausgelegt sind, sie möglichst schnell wieder loszuwerden.

Aigün Hirsch kam vor zwölf Jahren nach Deutschland. Heute hilft sie in Lüneburg anderen Flüchtlingen. © privat/ZEIT ONLINE

Heute hat Aigün Hirsch keine Angst mehr. Sie ist 28 Jahre alt, selbstbewusst, und seit vier Jahren deutsche Staatsbürgerin. "Ich weiß nun, was Flüchtlinge in Deutschland erwartet, welche Rechte sie haben, welche Fehler sie vermeiden sollten", sagt Hirsch. Deshalb hilft sie jetzt anderen, die sich in ähnlichen Situationen befinden und ist Teil des Lüneburger Hilfsnetzwerks.

Zur neuen Lüneburger Willkommensinitiative gehören Projekte wie die Studentengruppe, die gemeinsam mit Flüchtlingen alte Fahrräder auftreibt und repariert; die Gruppe DaZ (Deutsch als Zweitsprache), die Sprachkurse und Lernpartnerschaften organisiert, aus denen schon so einige Freundschaften entstanden sind. Es gibt den Verein Amikeco, der sich um die Flüchtlingskinder kümmert, Hausaufgabenhilfe und Ferienprogramme anbietet, einen Frauenkreis im alten Flüchtlingsheim, ein Begegnungs-Café im Stadtzentrum, Kooperationen mit dem Sportverein, der Kleingärtneranlage, dem Kunstverein. Die Initiative vernetzt außerdem all die Freiwilligen, die direkte Patenschaften für die Asylbewerber übernehmen, sie auf Behörden oder zu Arztterminen begleiten, Briefe formulieren und sie psychisch unterstützen.