Seit vier Wochen läuft der Mordprozess gegen Oscar Pistorius nun bereits in Raum GD des Obersten Gerichtshofes von Pretoria. Er zieht ganz Südafrika jeden Tag aufs Neue in seinen Bann. Bezeichnend ist, dass der Bezahl-Fernsehsender DStv speziell für das Verfahren einen eigenen "Oscar-Pistorius-Prozess-Kanal" eingerichtet hat, der praktisch rund um die Uhr Direktübertragungen aus dem Gerichtssaal, aber auch vorproduzierte Hintergrundstücke sendet. Glaubt man dem für das Programm zuständigen Produzenten George Mazarakis, schlägt der Kanal, was die Zuschauerzahlen betrifft, derzeit alle anderen von DStv ausgestrahlten 100 Programme, selbst die besonders populären Sportsendungen.

In der Tat sind die Fernsehgeräte am Kap in vielen Wartezimmern und Fitnesszentren seit Beginn des Prozesses am 3. März auf Kanal 199 gestellt. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass die Südafrikaner ein Gerichtsverfahren live und in fast voller Länge verfolgen können. Antony Altbeker, ein Kriminalitätsexperte und bekannter Autor, ist von dem Hype dennoch verblüfft. Er kann sich das enorme Interesse nur damit erklären, dass es in Südafrika noch nie einen Mordprozess mit solcher Prominenz gab.

Schließlich handele es sich bei den Vorwürfen gegen Pistorius nicht um eine besonders ungewöhnliche Geschichte, findet Altbeker. Er glaubt auch nicht, dass sich der Fall mit anderen großen Mordprozessen, wie zum Beispiel den gegen den amerikanischen Spitzensportler O.J. Simpson vergleichen ließe. Simpson wurde 1995 von einem amerikanischen Geschworenengericht vom Vorwurf des Mordes an seiner Ex-Frau und deren neuem Lebensgefährten freigesprochen – bis heute ist dieses Urteil höchst umstritten. Anders als Pistorius stritt Simpson die Tat jedoch durchweg ab. "Bei dem gegenwärtigen Verfahren geht es allein um die Frage, was in Pistorius zum Zeitpunkt der Tat vorging", sagt Altbeker.

Vier Mal geschossen, mit zerstörerischer Munition

Noch ist eben das nicht geklärt: Weiter ist offen, ob Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp am Valentinstag 2013 mit Absicht im Badezimmer seines Hauses erschoss oder ob es sich, wie der Spitzensportler selbst beteuert, um einen tragischen Unfall handelte, weil er das Fotomodell versehentlich für einen Einbrecher hielt. Belastungszeugen stehen Indizien gegenüber, die gewisse Zweifel an einem Mord wecken. So befanden sich unter den von Experten rekonstruierten rund 1.700 SMS-Nachrichten, die Pistorius und seine Freundin in den knapp sechs Monaten ihrer Beziehung austauschten, offenbar nur vier oder fünf, die auf Spannungen in der von Pistorius stets als harmonisch beschriebenen Beziehung hindeuteten.

Heftig umstritten ist noch immer, welcher der insgesamt vier abgefeuerten Schüsse das Fotomodell in den Kopf traf. Hätte Pistorius seine Freundin zunächst in Hüfte und Arm getroffen, wie ein erfahrener Schusswaffenexperte glaubt, hätte diese, wie von mehreren Nachbarn bezeugt, laut um Hilfe rufen und Pistorius von weiteren Schüssen abhalten können. Bei einem Kopftreffer wäre das unmöglich gewesen. Ohnehin bleibt die Frage, warum der Sportler gleich viermal gezielt schoss, noch dazu mit einer extrem zerstörerischen Sorte von Munition. "Pistorius wird sich auf jeden Fall genauer erklären müssen" meint der erfahrene Gerichtsmediziner David Klatzow. "Sehr viel wird von seiner eigenen Aussage abhängen und davon, wie glaubwürdig er dabei rüberkommt." Zu diesem mit Spannung erwarteten Auftritt des Angeklagten wird es womöglich schon nächste Woche kommen.