Wir treffen uns an einem dieser alternativen Orte wie es sie in fast jeder deutschen Stadt gibt: Wohnwagen, besprühte Container, alte Sessel unter freiem Himmel. Über 30 Dosen haben sie mitgebracht, in einer schwarzen Sporttasche im Kofferraum und drei Eimer grauer Wandfarbe. Sie tragen Sneakers, deren Embleme unter Farbspritzern verschwinden, Kapuzenpullis und Kappis. Der jüngste ist 24, der älteste 41 Jahre alt. Klaus, Tomasz, Ingo und Antoine wollen sie hier heißen, damit sie in ihren Heimatgemeinden unerkannt bleiben.

Sie haben gezögert bei der Idee, sich begleiten zu lassen. Weil es in der Szene möglicherweise nicht gut ankommt, wenn sie reden. Dann haben sie zugestimmt. Weil sie nicht immer die bösen Kriminellen sein wollen, die Asozialen und Respektlosen. Und weil sie gerne mal sagen würden, wie es wirklich ist.

Es ist noch nebelig, als Klaus und Tomasz mit Streichrollen vor einem bemalten Waggon stehen. Kurz bedauern sie, dass erst am Tag zuvor andere Sprayer ihr Werk darauf hinterlassen haben, dann überstreichen sie beherzt die Bilder mit grauer Wandfarbe.

Acht Zugwaggons stehen auf dem Gelände des Kassablanca in Jena, offiziell zum Besprühen freigegeben: Hier dürfen sie malen. Hall of Fame werden diese Freiflächen genannt, an denen sich Sprayer austoben sollen – mit dem Ziel, sie damit von den Stadthäusern, Brücken und Bahnhöfen fernzuhalten. Für Tomasz das erste Missverständnis.

Graffiti als Partizipationsform

"Ich kenne keinen, der nur legal malt", sagt er. "Das kann man nicht trennen, zum Graffiti gehört beides. Ich kenne andersherum auch keinen, der nur illegal malt." Ein Sprayer ohne Bombing, also illegales Sprühen, das gehe nicht. Es geht um die Verbreitung des eigenen Namens, um Ruhm und den Kick. Und Tomasz geht es noch um etwas anderes.

"Eine Stadt ist ein öffentlicher Raum. Wieso darf sie allein durch teuer erkaufte Werbeplakate gestaltet werden?", sagt Tomasz. Eine Meinung, die viele Sprüher teilen. "Graffiti hat etwas mit Partizipation und Gehörtwerden zu tun. Wir nutzen es zur Meinungsäußerung, als demokratisches Mittel. Und die Stadt ist das Medium."

Sie ärgern sich über die pauschale öffentliche Meinung: Sprayer riskieren auf Bahnschienen und unter Stromleitungen ihr Leben, für ein bisschen Ruhm; sie missachten Privateigentum und verunstalten die Stadt; Sprayer würden immer aggressiver, gewalttätiger. Die Bahn gebe jährlich Millionenbeträge für die Beseitigung von Vandalismus aus, setze Überwachungsteams ein. Die Polizei beschäftigt Sonderkommandos und Graffiti-Spezialisten.

Auf der anderen Seite werben Unternehmen mit Graffiti auf Hauswänden. Bezahlen Städte Sprayer für die Gestaltung von öffentlichen Flächen, weil die Bilder zur Stadtkultur gehören. Graffiti wird als Form moderner Malerei besprochen, Street-Art-Künstler wie Banksy sind längst salonfähig.