Die Rotorblätter des aufsetzenden Militärhubschraubers drücken den Regen horizontal über die Zufahrtsstraße nach Obrenovac. Die Stadt, 35 Kilometer von Belgrad entfernt, liegt im von den anhaltenden Überschwemmungen schwersten betroffenen Gebiet Serbiens. Svetlana Ranković steht nur 30 Meter neben dem Hubschrauber und trotzt dem heranfliegenden Wasser. Auf ihrem Gesicht vermischt es sich mit Tränen. Gebannt blickt sie, wie die Soldaten den Menschen beim Aussteigen aus dem Helikopter helfen, die zuvor gerettet worden sind.  

Manche werden getragen, andere haben ein paar Habseligkeiten unter dem Arm. Die 54-Jährige sucht nach einem bekannten Gesicht. "Meine Tochter und meine beiden Enkelkinder sind noch in der Stadt", sagt sie und wischt sich mit einem weißen Tuch die Augen trocken. "Unsere Kellerwohnung wurde überflutet. Seitdem habe ich nichts mehr von ihnen gehört." Ihre Tochter ist 24 Jahre alt, ihre Enkelkinder anderthalb und vier.

Nach tagelangen Regenfällen sind viele Städte von der Außenwelt abgeschnitten. Mindestens 20 Menschen sind auf dem Balkan insgesamt bisher ums Leben gekommen. Im ganzen Land wurde der Ausnahmezustand ausgerufen und Schulen geschlossen. Wichtige Landverbindungen in die Nachbarländer sind blockiert. Laut dem staatlichen meteorologischen Dienst sind es die schlimmsten Überschwemmungen seit 120 Jahren. "Wir haben die Wetterberichte vorher gesehen und die Feuerwehr kam, um Kanäle frei zu räumen", sagt Ranković, während die Menschen aus dem Helikopter in Busse steigen. "Aber so etwas haben wir nicht erwartet."

"Keiner hat das kommen sehen"

Einen halben Kilometer entfernt ist der Fluss Kolubara weit über die Ufer getreten. Treibgut schwimmt an der Oberfläche und verhakt sich in der Brücke, die hinüber ins Stadtzentrum führt. Kurz hinter der Brücke verschwindet die Straße im braunen Wasser. Die Brücke ist zu einem Anlegesteg umfunktioniert worden, an dem ununterbrochen Boote der Feuerwehr und des Militärs ankommen und Menschen aus der Stadt von Bord lassen. Die gesamte Bevölkerung der Stadt soll in Sicherheit gebracht werden. Insgesamt 23.000 Menschen. Serbiens Premierminister Aleksandar Vučić steht am Rand der Brücke, um sich ein Bild von der Lage zu machen und mit der Presse zu sprechen. Überwältigt vom Ausmaß der Katastrophe achtet kaum einer der Helfer auf ihn. "Keiner hat das kommen sehen", sagt er. "Unmöglich."

Im Hintergrund beginnt ein russisches Rettungsteam gerade ein Schlauchboot zusammenzubauen. Die russische Regierung hat am Freitag mehrere Teams von Katastrophenhelfern samt Equipment in die Krisenregion geschickt. "Wir hoffen noch mehr Hilfe zu erhalten", sagt Vučić. "Auch Deutschland, Slowenien und Österreich haben schon Hilfe zugesagt." Unter anderem das Technische Hilfswerk (THW) ist in die Region unterwegs.  

Etwas abseits steht die 25-jährige Maia Bajic in einem Neoprenanzug und beobachtet die Boote beim Anlegen. "Wir waren eigentlich auf dem Weg zu einem Rafting-Wettbewerb, als unser Trainer meinte, wir sollten herkommen und helfen", sagt sie. Einige ihrer Teamkollegen im Hintergrund laden Ausrüstung aus. Sie warten nur noch auf ihre Schwimmwesten, um loszulegen. "So stark und unkontrollierbar, wie der Fluss jetzt ist, wäre es unverantwortlich ohne Schwimmwesten in ein Boot zu steigen."