Ich hab's mir ja selbst eingebrockt. An einem sehr späten Spätherbstsonntag war ich einmal quer über das Feld gelaufen, zwei Kilometer hin und zwei Kilometer zurück, oben nur der Himmel und unten das nutzlose Gras, und so durchgepustet saß ich dann in der S-Bahn, als ein Mädchen und ein Junge, die so aussahen wie ich vor zehn Jahren, eine Unterschrift haben wollten, für das Feld und für mehr Demokratie. "Damit die Berliner selbst entscheiden können", sagte der Junge mit dem Jutebeutel. Ich unterschrieb als einer von 185.328 für einen Volksentscheid über die Zukunft des ehemaligen Flughafens Tempelhof.

Jetzt, ein halbes Jahr später, muss ich mich entscheiden. Ich möchte das Beste für meine Stadt, ich möchte ein mündiger Bürger sein.

Ende April bekomme ich Post von der Stadt. Die Wahlbenachrichtigung und ein Heftchen mit Infos. Zwei Vorschläge stehen zur Wahl, bei jedem kann man mit Ja, Nein oder Enthaltung stimmen, macht insgesamt neun Ankreuz-Möglichkeiten, rechnet mir die Berliner Zeitung vor. Neun! Ich hatte gedacht, es ginge nur um eine Frage: Bauen, ja oder nein? Das ganze Heft hat 46 Seiten. Ich lege es zur Seite und nehme mir vor, es später zu lesen, irgendwann. Dann treffe ich mich mit Freunden auf dem Feld. Es ist warm und wir haben Durst. Ende April, am Rande gibt es eigentlich eine Art Kiosk mit Bänken, doch er ist geschlossen. Die Stadt hat ein großes Plakat davor gespannt: Wenn sich die Bürgerinitiative durchsetze, wäre hier Schluss mit Biergarten, heißt es dort. Ich mag Biergärten und denke das erste mal: Sollen sie doch bauen!

Es ist öde, und das ist das Tolle

Nur die Randbereiche will die Stadt bebauen, die riesengroße Mitte soll frei bleiben, soviel weiß ich schon. "Größer als der Tiergarten!" heißt es immer wieder. Für den sehr verehrten Kollegen Jens Jessen ist das Feld einfach nur zu groß und zu öde. Ich finde, er hat recht, es ist öde, und das ist das Tolle.

Dieses Feld hat sich niemand ausgedacht. Wer hier läuft, liegt, gärtnert, der führt nicht aus, was Stadtplaner als Verwendungsmöglichkeit vorausgesehen, ja angestrebt haben. Es folgt keinem Plan, es ist einfach passiert. Das Feld ist sinnlos. Und vielleicht ist es diese Sinnlosigkeit, die den Kopf so frei macht, wenn man darüber läuft und der Wind bläst und man eigentlich gar nichts sieht, nichts Schönes und nichts Hässliches. Doch das gilt auch noch, wenn am Rande ein paar Häuser mehr stehen.

Mitte Mai bekomme ich wieder Post. Die SPD hat mir einen Flyer in den Briefkasten geworfen, der für den Plan wirbt, den sie zusammen mit der CDU entworfen hat. Kleine Piktogramme sind da zu sehen: Parkbänke, Toilettenhäuschen, Fahrräder, Bäume. Alles angenehme Dinge. Wenn sich die Volksinitiative durchsetzt, droht die SPD, kommt all das nicht. Die Bildchen sind dick rot durchgestrichen. Ich weiß in dem Moment zwar, dass das oberflächlich ist, aber es macht Eindruck.

Es ist leicht, die Initiative doof zu finden

Die Menschen von der Volksinitiative auf der anderen Seite machen es mir leicht, sie doof zu finden. Allein der Slogan "100% Tempelhofer Feld": Das klingt schon so reaktionär. Alles soll genau so bleiben, wie es jetzt gerade ist. Totalitarismus des Status quo. Eine angeblich linke Position, die jede kleine Veränderung als kapitalfaschistische Machtübernahme verteufelt. Der Weltuntergang beginnt mit der Errichtung von Parkbänken! Ich werde kurz sehr wütend, zwei Momente später aber bin ich mir schon nicht mehr sicher damit, vielleicht steigere ich mich da nur hinein. Kopf runterkühlen, Fakten. Besser noch: Experten!

In der Taz erklärt ein Architekt und Stadtplaner, man könne sehr wohl lebendige Siedlungen auf dem Feld schaffen, ein "neues Kreuzberg" verspricht er. Wenn man die Grundstücke ganz klein macht und in viele verschiedene Hände gibt. Wenn man Gewerbe und Wohnen und Kultur nicht nebeneinander plant, sondern ineinander wuchern lässt. Ich finde, das klingt vernünftig.