Der Senat sagt, er wolle den Rand "behutsam" bebauen, mit privaten Wohnungen und genossenschaftlichen, mit Kitas und Schulen und Geschäften. Die Volksinitiative sagt, das werden sterile Luxusviertel. Ich habe keine Ahnung von Stadtplanung und davon, wie man einen neuen Kiez baut. Der Senat sagt, mit den neuen Wohnungen könnte man die steigenden Mietpreise in Berlin bremsen. Die Bürgerinitiative sagt: Die Neubau-Wohnungen am Park beschleunigen das nur. Woher soll ich wissen, wer recht hat?  

Mir wird klar: Ich finde nicht automatisch zu einer klaren Position, wenn ich nur genug Zeit darauf verwende. Hinter jeder Frage lauert eine neue und am Ende weiß ich vor lauter Details gar nicht mehr, was ich will.

Was ich weiß: Ich habe nichts dagegen, wenn Viertel sich verändern. Ich bin Gentrifizierer. Vor anderthalb Jahren nach Berlin gezogen, treibe ich mit meinem normalen Gehalt die absurd günstigen Mieten in Berlin hoch. Wovon man in München nur ein WG-Zimmer bezahlen kann, das reicht hier für eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung. Ich bin der Typ, der die Studenten und Alteingesessenen aus den Altbauwohnungen in Kreuzkölln vertreibt. Ich bin der mit dem Rollkoffer. Ich bin der Feind.

"Das ist doch nur der Anfang"

Noch fünf Tage bis zur Wahl. Ich stehe im Innenhof eines Studentenwohnheims im Wedding. Auch eine Gegend, die sich vor der Gentrifizierung fürchtet. Noch sind die Häuser grau, das Bier billig und die Meinungen sehr links. Ich frage vorsichtig in die Runde, was sie denn so zum Feld-Entscheid denken. Der zweite Satz ist: "Das ist doch dann eh nur der Anfang, bald ist das nur noch ein Garten am Rande von Neubauten." Dass die Stadt dort wirklich günstige Wohnungen baut, glaubt hier niemand. Jene Stadt, die in den vergangenen Jahren den sozialen Wohnungsbau quasi abgeschafft hat? Haha. Es geht hier jetzt nicht mehr um Fakten, sondern darum, ob man den Politikern vertraut.

Ich möchte den Politikern gerne zumindest auch Gutes zutrauen, denn sonst ist ja eh alles verloren, aber sie machen es mir wirklich nicht leicht. Die Zusage mit den günstigen Wohnungen ist bisher nur eine unverbindliche Absichtserklärung. In den vergangen Jahrzehnten hat die Stadt Hunderttausende Sozialwohnungen verkauft, warum sollte sie das plötzlich ändern?

Bedrängt oder unwillkommen?

Es ist nun Donnerstag vor der Wahl und ich habe mich noch immer nicht entschieden. Zeit für das einschüchternde graue 46-Seiten-Heft, das seit einem Monat auf meinem Küchentisch liegt. Es ist gar nicht so eng bedruckt. In Paragraph 7, Absatz 2 des Volksentscheid-Entwurfs entdecke ich, dass ich gar nicht auf meinen Biergarten verzichten müsste. Und auf Bänke auch nicht. Auf den äußeren Wiesen dürfen sie gebaut werden, nur die innere Fläche soll ganz frei bleiben, öde und sinnlos. Wunderbar. Dann aber steht da ein Satz über die "Mietpreisspirale" in den umliegenden Stadtteilen und das so die soziale Mischung dort aufgelöst würde. Für mich klingt das nach: Bloß keine neuen Leute hier. Ich fühle mich sehr unwillkommen.

Der Gesetzentwurf des Abgeordnetenhauses umfasst nur drei knappe Paragraphen und eigentlich steht nichts Konkretes drin. Nichts über Mietpreise und nichts über die genaue Bebauung. Stattdessen zusätzlich der Aufruf, doch bitte Verantwortung für Berlin zu übernehmen und also bitte Ja zum Vorschlag zu sagen. Wer nicht unserer Meinung ist, hat kein Verantwortungsgefühl: Ich fühle mich bedrängt.

Was ich durch googeln herausfinde: Der Senat will für 270 oder vielleicht 350 Millionen Euro eine neue Bibliothek an den Westrand des Feldes bauen. Ich finde, das muss nicht sein. Das Grimm-Zentrum in der Innenstadt ist riesig und neu schick, im Wedding bauen sie eine weitere Riesen-Bibliothek. Bei den Kollegen der Berliner Morgenpost stoße ich auf eine Grafik, die in bunten Farben die Baupläne erklärt. Ziemlich viel Gelb ist da zu sehen, das steht für Gewerbefläche. Auf das innere Feld will die Stadt Toilettenhäuschen und neue Bäume pflanzen, es überhaupt mehr erschließen und also von einer Steppe in einen normalen Park verwandeln. Ich will aber nicht noch einen Park, ich will ein Feld.

Es fühlt sich an wie Notwehr

Am Freitag bin ich soweit, dass ich beide Vorschläge ablehnen will. Vielleicht fällt ja jemandem bald etwas Klügeres, Langsameres ein für dieses Feld. Und solange macht es einfach, was es will. Und wir machen darauf, was wir wollen. Ein Ort mitten in der Stadt, an dem über zwei Millionen Menschen im Jahr herumlaufen, kann gar nicht immer derselbe bleiben. Vielleicht sollten wir es nicht zu sehr zwingen. Nicht Gewerbe- und Wohnungs- und Kulturblöcke an seinen Rand setzen, es aber andererseits auch nicht ausbremsen. Es soll bitte nichts so bleiben müssen, wie es ist.

Dann lese ich, dass ein doppeltes Nein eigentlich ein Ja zu den Vorhaben der Stadt ist. Weil dann weiter gilt, was bisher beschlossen war: die Randbebauung des Feldes. So richtig Nein sagen zu beiden Vorschlägen kann ich gar nicht mehr.

Am Sonntagvormittag werde ich für "100% Tempelhofer Feld" stimmen und gegen den Plan des Senats. Weil ich Zeit gewinnen will für das Feld und Berlin und mich, damit wir uns was Besseres überlegen können. Das fühlt sich nicht volkssouverän an, sondern wie Notwehr. Danach werde ich auf das Feld laufen und ganz ruhig sein und warten, was passiert.