Es gibt dieses Foto aus dem türkischen Parlament vom 29. April: Ein Abgeordneter am Rednerpult hält einen gelben Bergarbeiterhelm in die Höhe. Im Hintergrund sieht man Justizminister Bekir Bozdağ mit einem Regierungskollegen angeregt reden, sie scheinen nicht besonders interessiert an dem, was ihr Kollege da vorne zu sagen hat.

Seit diesem Dienstagabend ist das Foto wieder brennend aktuell und verbreitet sich wie im Eiltempo unter türkischen Nutzern der sozialen Medien. Denn der Mann mit dem Bergarbeiterhelm ist Özgür Özel, Abgeordneter der Oppositionspartei CHP aus dem Bezirk Manisa. Thema seiner Rede im Parlament am 29. April: die mangelnde Sicherheit in einer Kohlemine in seinem Wahlkreis, in der Stadt Soma.

Es ist die Mine, in der sich am Dienstag das wahrscheinlich größte Grubenunglück in der Geschichte der Türkei ereignet hat. 22 Tage nach Özels Rede im Parlament ist Soma dort wieder Thema. Die Abgeordneten gedenken in einer Schweigeminute der Toten. 238 sind es bis Mittwochnachmittag, doch das ist wahrscheinlich nur ein Zwischenstand, Hunderte der 787 Menschen, die zum Unglückszeitpunkt in der Mine waren, werden noch vermisst.

Noch während die Rettungsaktion läuft, hat die Tragödie die Straßen und die Politik der Türkei erreicht. In die Trauer mischen sich viele Fragen und fast noch mehr Wut. In Ankara ziehen Demonstranten Richtung Energieministerium und werden von der Polizei mit Tränengas angegriffen. In Istanbul kleiden sich Menschen in Bergarbeiterkluft, die Gesichter schwarz vor Ruß, und laufen still trauernd und protestierend in Richtung des zentralen Taksim-Platzes. Im ganzen Land versammeln sich die Menschen spontan, halten Bilder der toten Bergarbeiter hoch oder Schilder, auf denen sie Rechenschaft von der Regierung verlangen. Neben ihnen stehen gepanzerte Polizisten um sofort einzugreifen, falls die Trauer zu sehr in Protest kippt.

Das Unglück trifft die Türkei in einer Zeit hoher politischer Anspannung: Seit Monaten überziehen sich die AKP-Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan und seine Gegner mit Anschuldigungen und Kampagnen. Und in genau zwei Wochen jährt sich der Beginn der Gezi-Proteste.

In den Medien liefern sich Politiker, Gewerkschafter und Unternehmer Wortgefechte darüber, wer verantwortlich ist für die Toten, ob überhaupt jemand verantwortlich ist. Im Zentrum steht die Frage, wie sicher die Mine war.

Genügend Kontrollen in der Mine

Ein türkischer Gewerkschaftschef spricht gar von "Massenmord", der Chef der Betreiberfirma versichert, die Mine sei regelmäßig zwei Mal im Jahr inspiziert und immer als sicher eingestuft worden. Das Arbeitsministerium bestätigte fünf Kontrollen seit 2012, die letzte soll im März dieses Jahres stattgefunden haben – alles in Ordnung.

Das aber sah der örtliche Abgeordnete Özel schon vor dem Unglück ganz anders. Die Initiative, die seine Partei mit Unterstützung der nationalistischen MHP im Parlament einbrachte, erwähnte zahlreiche Unglücke in genau dieser Mine und verlangte eine Untersuchung der Gründe und dauerhafte Lösungen, die eine Wiederholung verhindern würden, berichtet Hurriyet Daily News. Erdoğans AKP lehnte den Vorschlag mit ihrer Mehrheit der Abgeordneten ab.

Minen-Chef rühmte sich gesunkener Kosten

Dass die Türkei ein Problem mit der Arbeitssicherheit hat, lässt sich belegen. Laut einer Statistik der International Labour Organisation (ILO) liegt die Türkei weltweit auf Platz drei, was die Anzahl der Todesfälle bei der Arbeit angeht. Bergarbeiter sind dabei besonders gefährdet. Zwischen 2002 und 2012 starben mehr als 1.000 von ihnen. Statistisch gesehen sterben für je eine Million Tonnen Kohle in der Türkei je nach Jahr sechs bis neun Bergleute. Das belegt die Aufzählung eines türkischen Forschungsinstituts für die Jahre 2000 bis 2008 (PDF-Link). Im gleichen Zeitraum sank diese statistische Rate beispielsweise in China beständig, von 4,08 auf 1,27 Tote.

Am Mittwoch machte außerdem die Information die Runde, bei dem Unglück sei auch ein 15-Jähriger umgekommen. Der Energieminister bestritt das sofort.

Erdoğan: "Nicht ungewöhnlich"

Die Gewerkschaften werfen den Minenunternehmen vor, zu Gunsten niedrigerer Preise die Arbeitsbedingungen weiter zu verschlechtern. "Alles was zählt, ist der Gewinn", sagte der Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes DISK. In den Minen arbeiten Subunternehmer und Leiharbeiter, weil diese billiger sind. In einem Interview 2012 hatte sich der Chef der Betreiberfirma gebrüstet, die Förderkosten pro Tonne Kohle von 130 auf 24 Dollar gesenkt zu haben. Das Unternehmen hatte die Mine vom Staat übernommen. So wirft das Unglück auch ein Schlaglicht auf die radikale Privatisierungspolitik der Regierung Erdoğan.

Von all dem wollte der Premier nichts wissen, als er am Mittwochnachmittag am Unglücksort eintraf. Erdoğan sprach sein Mitgefühl aus. Die Ursachen würden vollständig aufgeklärt, "wir werden keine Nachlässigkeiten dulden". Grundsätzliche Probleme sah er nicht. Solche Unglücke seien "nicht ungewöhnlich", sagte er. Dann zog er einen Vergleich zu Minenunglücken in den USA und England, wo das "trotz all der Technologie" auch passiert sei. Doch die von ihm erwähnten Unglücke liegen lange zurück, sie ereigneten sich 1907 (USA) beziehungsweise 1862 (England). Eine Zeit und ein Entwicklungsstand, über die Erdoğans Türkei doch insbesondere nach Meinung des Premiers Jahrzehnte hinaus ist.

Und die CHP-Initiative für mehr Sicherheit in der Mine? Das sei nur ein Versuch gewesen, die Regierungsagenda der AKP aufzuhalten, sagte Erdoğan, von Soma sei da keine Rede gewesen.

Während seines Auftritts mussten Hunderte Polizisten Erdoğan vor den erregten und wütenden Angehörigen schützen. Zwischen dem sonst so bewusst volksnahen Premier und seinem trauernden Volk stand eine doppelte Reihe Sicherheitskräfte. Nach der Rede griffen die wütenden Angehörigen die örtliche Zentrale von Erdoğans AKP an, traten auf seine Limousine ein. Dieses nationale Unglück könnte auch für den scheinbar übermächtigen Premier dramatische Folgen haben.