Hasan Yildirim hatte Angst. Er bekam ein mulmiges Gefühl, wenn er ins Auto stieg. Er schlief nicht mehr recht. Aber: Die rechtsextremen Attentäter, die ihn mit einer Bombe schwer verletzt hatten, hatten ihm nicht so viel Angst gemacht, dass er seine neue Heimat Deutschland verlassen wollte. Oder auch nur die Straße, in der er arbeitete.

Und so steht der 40-jährige Deutschtürke auch heute vor dem Friseursalon seines Bruders Özcan in der Kölner Keupstraße. Hier, vor der Hausnummer 29, zündeten die NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach Überzeugung des Generalbundesanwalts am 9. Juni 2004 eine Bombe aus Schwarzpulver und Nägeln. Der Anschlag verletzte 22 Menschen und ließ noch hunderte Meter weiter die Fensterscheiben bersten.

"Es war ein Riesenschock, ich habe erst gar nicht verstanden, was passiert ist", erinnert sich Yildirim. Scherben und Nägel flogen auf ihn zu, ein Fensterrahmen sprang aus der Wand und fiel auf ihn herab. Mit schweren Schnittwunden schleppte er sich auf die Straße, wo schon andere Opfer lagen, mehrere seiner Kunden – "da war überall Chaos".

Ein Fest statt stillem Gedenken

Zehn Jahre später, einen Tag vor dem Jahrestag des Attentats, schiebt sich eine Menschenmenge vor Yildirim durch die Straße. Das Schaufenster des Salons ist mit Bildern der Verwüstung beklebt, davor steht ein Verkaufsstand. Die Keupstraße feiert ein Fest.

Es heißt Birlikte, nach dem türkischen Wort für "Zusammenstehen". Für den Titel haben sich die Veranstalter entschieden, weil die Keupstraße das Zentrum der türkischen Gemeinde ist. Statt stillem Gedenken hat sich das Viertel für Party-Stimmung entschieden. Aus einem Geschäft dröhnen orientalische Schlagerklänge, an einem Tisch daneben rollen Frauen mit Holzstäben Fladenteig, ein Koch fächert die Grillkohle an.

Natürlich wohnten nicht nur Türken hier, betont Mitat Özdemir, Inhaber eines Kiosks am Ende der Straße. Auch Deutsche, Afrikaner und Osteuropäer seien hier zu Hause. Die Straße gibt dem abgenutzten Begriff Multikulti ein Gesicht. Özdemir ist zugleich Leiter der Interessengemeinschaft Keupstraße, einem Zusammenschluss von Gewerbetreibenden aus dem Viertel.

Der Anschlag hatte zwar keine Menschenleben genommen – doch das Leben auf der Straße vom einen auf den anderen Tag ausgelöscht. "Keiner hat hier noch seine Kinder losgeschickt, beim Bäcker um die Ecke ein Fladenbrot zu holen. Gäste haben in den Restaurants angerufen, um zu fragen, ob es denn sicher ist auf der Keupstraße", erzählt Özdemir. In einer monatelangen Flaute mussten Inhaber ihr Erspartes aufbrauchen, mehrere Geschäfte schlossen.

Der Schock saß tief. Kutlu Yurtseven ließ sich im Salon von Özcan Yildirim jahrelang die Haare schneiden, vor und nach dem Anschlag. Der 41-jährige Pädagoge war 2003 in die Holweider Straße gezogen, eine Querstraße der Keupstraße. Als die Bombe explodierte, war er bei der Arbeit. "Erst, als ich nach Hause gekommen bin, habe ich realisiert: Das ist der Ort, wo ich acht Stunden vorher noch zur Arbeit entlanggegangen bin."

Lähmend, sagt Yurtseven, war zum einen die Angst vor neonazistischer Gewalt, zum anderen die Ermittlungen der Polizei, in denen ein rechtsradikaler Hintergrund ausgeschlossen wurde. Stattdessen drehten sich die Recherchen um Themen wie Schutzgelderpressung und Mafiakreise, in die die Opfer verstrickt seien. Nachbarn, die von der Polizei vernommen wurden, seien zusätzlich traumatisiert worden: "Alle, die gesagt haben, dass die Täter Nazis waren, haben eine Hausdurchsuchung bekommen." Egal, wen man von den Zeitzeugen befragt – alle erinnern sich an das Stigma, das damals auf den Bewohnern lastete.