Ein kleiner Junge in der Favela "Altos de Florida" am Stadtrand von Bogotá © Eitan Abramovich/AFP/Getty Images

Der Raum ist voller Menschen, aber das kleine Mädchen mit den langen schwarzen Haaren scheint sie nicht zu bemerken, so versunken ist es in sein Spiel. Es vergräbt beide Hände tief im Sand, der die blaue Plastikkiste vor ihm halb ausfüllt, und schaufelt die feuchte Masse mit Hingabe über ein paar daumengroße Babypüppchen. Dann gräbt es die Puppen wieder aus und legt eine davon mitsamt Sand in die Hände des Mannes, der ihm gegenübersitzt und das Manöver aufmerksam beobachtet. Mit schnellen, kräftigen Bewegungen klopft es den Sand glatt – und fegt Sand und Püppchen nach einem aufmerksamen Blick zum Gegenüber wieder zurück in die Kiste.

Eine ganze Stunde geht das so, und dabei wird kaum ein Wort gesprochen. Wir sind in Bogotá, im Viertel Voto Nacional, einer der ärmsten Gegenden der Hauptstadt. Die meisten Bogotanos kennen die Nachbarschaft nicht unter ihrem richtigen Namen. Sie sagen Bronx, wegen der vielen Drogensüchtigen, die hier hausen. Die Junkies schnüffeln Klebstoff – der ist besonders billig und macht das Hirn besonders schnell kaputt –, sie rauchen Crack oder nehmen andere Kokain-Derivate. Manche strecken den Stoff mit Pulver aus zerkratzten Ziegelsteinen oder mit Mehl. Und sie klauen, was sie kriegen können, um ihre Sucht zu befriedigen. Auch deshalb ist Voto Nacional kein sicheres Viertel.

Kaum irgendwo sonst in Bogotá werden die krassen Gegensätze der Hauptstadt so sichtbar wie hier. Der prunkvolle Präsidentenpalast Palacio Nariño ist nur wenige Hundert Meter entfernt, aber hier in Voto Nacional herrscht eine völlig andere Welt. Neben Junkies prägt der Großhandel das Viertel – nicht der für die Hochglanzgeschäfte der Shoppingmalls, sondern für die Einzelkämpfer, die irgendwo in Bogotá eine Werkstatt betreiben, einen Kiosk, oder sich als Straßenhändler durchschlagen. Die nahe Busstation in der Avénida Jiménez ist immer voll von schwer bepackten Passanten. Manche können ihre Last kaum tragen. Dann schleifen sie ihre Einkäufe einfach in Säcken hinter sich her.

Die Armen sind fromm

Das schwarzhaarige Mädchen und seine Familie gehören nicht zu den Junkies auf der Straße. Für sie ist die Gegend einfach das Viertel, in dem sie wohnen und zur Messe gehen. Kolumbien ist ein sehr katholisches Land, und seine Armen sind fromm – und die Kirche von Voto Nacional ist eine der ältesten Bogotás. Auch Politiker und Diplomaten lassen sich hier schon mal in der Sonntagsmesse blicken. Wenn sie kommen, dann mit Bodyguards und Entourage, in einem Konvoi aus schweren Autos. Meist sind aber nur die Nachbarn da, mit der ganzen Familie, in ihren besten Sonntagskleidern und zu Fuß.

Zwölf Kinder aus der Pfarrei dürfen gleich nach der Neun-Uhr-Messe zum Sandkastenspiel. Es verschafft ihnen eine Atempause von der Welt da draußen. Offiziell heißt die Methode "Trabajo Expresivo sobre Arena", TEA, Ausdrucksarbeit auf Sand. Sie ersetzt keine Therapie, aber soll traumatisierten Kindern helfen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Und in Voto Nacional tragen viele Kinder Traumata mit sich herum.

Die Leute, die in Voto Nacional leben, sind Gestrandete. Vertriebene aus anderen Landesteilen zum Beispiel, die vor der Gewalt des immer noch schwelenden Bürgerkriegs geflohen sind. Doch in ihrem neuen Viertel finden sie kaum Schutz. "Die Menschen leben hier auf engstem Raum", sagt Pfarrer Darío Echeverri, der Hausherr der Kirche von Voto Nacional. "Im grünen Norden Bogotás kann eine Familie hundert Quadratmeter oder mehr zur Verfügung haben. Hier drängen sich fünf oder sechs Familien in Vier-Zimmer-Wohnungen." In den beengten Wohnverhältnissen gibt es keinen Raum, der Schwächeren Deckung böte. Auf der Straße zu spielen ist für die Kinder keine Alternative: viel zu gefährlich.

Pfarrer Darío ist in Kolumbien eine bekannte Figur. Er engagiert sich für den Friedensprozess und ist Sekretär der kirchlichen Kommission für nationale Versöhnung. In seiner Kirche ist er der Pfarrer der Armen. In einem Land wie Kolumbien, wo die großen sozialen Unterschiede die Wurzel des jahrzehntelangen bewaffneten Konfliktes sind, ist auch das ein Beitrag zum Frieden.

Der Pfarrer weiß nicht genau, wie viele Menschen gerade zu seinem Sprengel gehören. "Das Leben der Armen ist nicht stabil", sagt er. "Sie kommen hier an, aber wenn sich irgendwo anders ein Job auftut, müssen sie sofort wieder weg." Deshalb schwankt die Zahl der Bewohner von Voto Nacional, und die prekären Verhältnisse haben viele Familien zusätzlich beschädigt. Es gibt Eltern, die nach Kräften für ihre Kinder sorgen, aber selbst traumatisiert sind – und chronisch gewalttätige Familien, in denen die Kinder von vornherein misshandelt werden. Oft fehlen die Väter. Manche alleinerziehende Mütter haben mehrere Kinder von unterschiedlichen Vätern, manche müssen all ihre Kraft darauf verwenden, Nahrung aufzutreiben, und können sich deshalb nicht um ihren Nachwuchs kümmern. "Wir hatten aber auch schon Fälle von Müttern, die solche Angst hatten, den Ernährer an ihrer Seite zu verlieren, dass sie den sexuellen Missbrauch ihrer Kinder durch den Partner zuließen", sagt Pfarrer Darío.