Ich mag keine Kultur. Da bin ich ganz Ami. Ich halte das für nichts weiter als ein Statussymbol. Wenn jemand anfängt, von Kultur zu reden, denke ich: "Jetzt soll ich wohl beeindruckt sein, wie der in der Schule aufgepasst hat. Aber eigene Ideen haben – das ist nicht notwendig, solange man Kultur hat."

Ich stehe da übrigens nicht allein. Letztens durfte ich an einer Diskussion in Peking teilnehmen. Mit ihrer "Zukunftsbrücke" bringt die Mercator Stiftung jedes Jahr junge Deutsche und junge Chinesen zum gegenseitigen Kennenlernen zusammen. Manchmal sind eben auch alte Amis dabei.

Bei diesem Treffen kamen wir ziemlich schnell auf Kultur. Mehrere deutsche Teilnehmer waren der Ansicht, wer die Menschen eines Landes verstehen will, der muss deren Kultur verstehen. Ich war da weniger überzeugt. Die Deutschen zum Beispiel konsumieren amerikanische Kultur als ob es kein Morgen gäbe, aber verstehen tun sie uns Amis nach wie vor kein bisschen.

Bernhard Schlink hatte eine Idee

Scheinbar war ich nicht der einzige, dem die Fetischisierung der Kultur nicht ganz geheuer ist. Gerade, als die Deutschen zu Goethe und Schiller ausholen wollten, schritt die chinesische Schriftstellerin Zhang Kangkang ein. Zur deutschen Kultur könne sie wenig sagen, meinte sie, aber sie habe ein Buch eines amerikanischen Autors mitgebracht, das jeder mal lesen sollte.

Sie hielt Der Vorleser von Bernhard Schlink in die Höhe.

Schlink ist natürlich Deutscher, aber Frau Zhang hatte nicht ganz unrecht: Der Vorleser ist keine "Kultur", aber das Buch verkörpert eine Idee. Eine Idee auch noch, an die die Welt tatsächlich glaubt.

Dazu muss ich ein wenig ausholen. Nach meiner Zählung gibt es in der Geschichte der westlichen Welt eigentlich nur drei wichtige Ideen: Karl der Große wollte das römische Reich nördlich der Alpen wieder auferstehen lassen – das war der Beginn von Europa.

Martin Luther predigte, man brauche zum Seelenheil die Kirche nicht – das war der Beginn der Emanzipation des Einzelnen von der Obrigkeit. Und drittens 1776. Damals gründete eine Handvoll englischer Kolonisten einen Staat ganz ohne Adel – damit fing die moderne Welt an. Von diesen drei großen Ideen stammt eine von einem Deutschen. Das ist doch schon mal nicht schlecht.

Na gut, Deutschland ist auch bekannt für weniger gute Ideen. Marxismus und Nationalsozialismus waren jeweils der Versuch, der wachsenden Demokratie ein Ende zu setzen. Die moderne Welt sollte in eine Art Neo-Feudalismus umgewandelt werden, in dem der Einzelne wieder entmündigt wäre. Diese beiden Auswüchse an Demokratiephobie haben mehr Menschenleben gekostet als jede andere Idee in der Geschichte der Menschheit.