Seit im Frühjahr die ersten Grüppchen auf dem Alexanderplatz auftauchten, mit ihren Friedensplakaten und den Slogans gegen Medien und Zentralbanken, versuchen sich Medien und Beobachter darin, die neuen Montagsmahnwachen zu verorten. Was sind das für Menschen, die bald in Dutzenden deutschen Innenstädten standen und politisch so gar nicht in die normalen Schemata passten? Es gab Berichte über beteiligte Rechtsradikale ebenso wie über stramm linke Aktivisten, nur über die vielen dazwischen gab es wenig. Über der Mitte klaffte ein großes Fragezeichen.

Diese Lücke versucht nun erstmals eine Studie zu schließen (hier als PDF). Eine Berliner Forschergruppe vom gerade entstehenden Institut für Protest- und Bewegungsforschung hat die Einstellungen der neuen Montagsdemonstranten abgefragt. Die Datenlage und Methodik ist eher dürftig: Die Forscher haben auf einer Berliner Montagsmahnwache 1.000 Zugangscodes für eine Onlineumfrage verteilt, knapp ein Drittel hat mitgemacht. Die Ergebnisse sind also nicht repräsentativ, sondern nur eine  – wenn auch große – Stichprobe, verzerrt zu denjenigen, die gerne online über ihren Aktivismus berichten wollten.

Zumindest über diese Gruppe der Montagsdemonstranten gibt die Studie aufschlussreiche Hinweise – darüber, wer sie sind und was sie wollen.

Als "eine männlich dominierte Bewegung der 25-40-Jährigen, für die das Internet das Schlüsselmedium ist", fassen die Forscher die Teilnehmer der Mahnwachen zusammen. Sie sind höher gebildet als die Gesamtbevölkerung, aber etwas niedriger als andere Protestbewegungen wie beispielsweise Stuttgart 21. 80 Prozent informieren sich auch über soziale Medien über die Proteste, für 44 sind Facebook, YouTube und Twitter sogar die wichtigsten Informationsquellen. Über die Hälfte der Montagsdemonstranten hat in den vergangenen fünf Jahren an keinem politischen Protest teilgenommen – aber dafür haben fast alle mindestens eine Petition unterzeichnet. Die Mahnwachen scheinen auch die Manifestation eines Teils des in den vergangenen Jahren zunehmenden Onlineaktivismus zu sein. Darin beobachten die Forscher "deutliche Parallelen zu Occupy" und "gründsätzliche Unterschiede" zu den Aktivisten von Stuttgart 21.

Kaum rechte Positionen

Von den Umfrageteilnehmern, die bei der letzten Wahl eine Stimme abgegeben haben, wählten 42,6 Prozent die Linkspartei, 15,4 die Piraten und 12,8 die AfD. Erst danach folgen Grüne, CDU und SPD. Vierzig Prozent verorten sich links, 20 Prozent in der politischen Mitte, und nur zwei Prozent rechts. Das scheint der weit verbreiteten Zuschreibung zu widersprechen, dass die Proteste rechtsorientiert seien. Tatsächlich bestätigt die Umfrage, dass sowohl bei der Verharmlosung von NS-Verbrechen, als auch bei chauvinistischen und antisemitischen Ansichten die Teilnehmer niedrigere Zustimmungswerte haben als die Gesamtbevölkerung. Das kann natürlich auch daran liegen, dass sich die rechtsextremen unter den Teilnehmern nicht als solche zu erkennen geben wollen – beziehungsweise gar nicht erst mitgemacht haben bei der Umfrage.

Statt um konkrete Inhalte scheint es den neuen Montagsdemonstranten um etwas anderes zu gehen: die Frage, wer die Macht hat. Nur 14,6 Prozent halten Deutschland für souverän, 51,6 Prozent glauben, dass Amerika und sein Militär "nur der Knüppel der Fed (US-Notenbank)" ist, Jeweils über 90 Prozent halten den Einfluss von EU, Nato, USA und Fed in der Ukraine-Krise für ungerechtfertigt, fast 70 Prozent aber den Einfluss Russlands für gerechtfertigt.

Sich selbst begreifen die Aktivisten als machtlos – und wenden sich gegen alle, die stattdessen die Macht haben.