Auf dem Grundstück des Einfamilienhauses in Zorbau parkt ein Geländewagen. Die Europa-Fahne auf dem Nummernschild ist überklebt. Statt des gelben Sternenkranzes prangt dort ein schwarz-weiß-rotes Wappen über dem D. Schwarz, weiß und rot, das waren die Farben des Kaiserreiches und der Nationalsozialisten. Es ist nicht klar, wer der Halter des Autos ist. Aber das Wappen passt ins Bild. Denn in dem Haus hat Thomas Jauch seine Praxis. Jauch ist Anwalt. Mehr noch, er ist das, was man einen Szeneanwalt nennt. Jauch vertritt als Strafrechtler vor allem Neonazis.

Das ist eigentlich kein Problem. Jeder Bürger hat das Recht auf einen Anwalt und jeder Anwalt kann sich seine Klienten aussuchen. Wenn der Anwalt aber einerseits der Haltung seiner Klienten nahe steht, andererseits jedoch für verschiedene Kommunen arbeitet und dafür teuer aus Steuern bezahlt wird, dann wird es zum Problem. Recherchen von ZEIT ONLINE und dem MDR legen nahe, dass sich mindestens elf Gemeinden in Ostdeutschland von einem Nazi-Anwalt haben beraten und vertreten lassen. Gleich mehrere Kommunen haben ihm für zum Teil rechtswidrige Verträge Hunderttausende Euro an Honoraren bezahlt.

Nun kann man Gedanken nicht lesen. Niemand weiß, welche Überzeugungen Thomas Jauch tatsächlich hat. Doch lassen sich Handlungen beurteilen. Und so sind es vor allem Indizien, um die es hier geht.

Thomas Jauch kommt aus Nordrhein-Westfalen. Nach der Wende ging er nach Sachsen-Anhalt und eröffnete dort eine Kanzlei. Bei der Wahl seiner Klienten gibt es ein eindeutiges Muster. Jauch verteidigte beispielsweise zwei Mitglieder der 2001 verbotenen Kameradschaft "Skinheads Sächsische Schweiz". Er übernahm die Verteidigung des Dresdner Neonazis Karsten S., der in seiner Broschüre Rufe ins Reich einen Davidstern im Fadenkreuz verbreitet hatte. Er war der Anwalt von Lars K., der während einer Sonnenwendfeier 2006 in Pretzien Das Tagebuch der Anne Frank ins Feuer geworfen hatte und dafür wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. Er verteidigte einen Bezirksschornsteinfegermeister aus Laucha, der aus seinem Amt entfernt worden war, weil er sich an antisemitischen und rassistischen Veranstaltungen beteiligt hatte.

Auch Mitglieder der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund wandten sich an den Anwalt Jauch. Möglicherweise sollte er für die Hauptangeklagte im Münchener NSU-Prozess Beate Zschäpe verhandeln, wie sie sich der Polizei stellen könnte. Außerdem vertrat er mehrere Unterstützer des Mörder-Trios und ist deshalb im NSU-Prozess als Zeuge geladen. In einem Beweisantrag der Nebenkläger heißt es über Jauch: "Der Zeuge kennt aus seiner politischen und beruflichen Tätigkeit spätestens seit Mitte der 90er Jahre die Mitglieder der Kameradschaft Jena und die führenden Mitglieder des Thüringer Heimatschutzes. Mit diesen hatte er in den 1990er Jahren und hat zum Teil bis heute engen Kontakt."

"Rechtsschulung im nationalen Spektrum"

Von den Rechtsradikalen wird Jauch als einer der ihren wahrgenommen. In einem internen Mailverteiler der NPD gab es beispielsweise Ende 2010 einige Irritation über Jauch. Ein Mitglied der NPD Göttingen schrieb dort an die NPD in Sachsen-Anhalt, man habe eine 1.800 Euro teure Unterlassungserklärung von einem Anwaltsbüro T. Jauch, Weißenfels, kassiert. Man sei darüber erstaunt, da der Anwalt dadurch auffalle, "Leute von uns zu vertreten" und auch schon "Rechtsschulungen im nationalen Spektrum" abgehalten habe. Ob der Landesverband vielleicht helfen könne? Immerhin sei es "mehr als eine Frechheit", eine solche Abmahnung zu schicken, wenn derjenige "sonst gut bei Leuten von uns verdient".

Jauch selbst schreibt in einer Email, es gehe wohl in Ordnung, ihn als rechten Szeneanwalt zu bezeichnen, da er Mitglieder der rechten Szene vertrete. "Der Unterzeichner verbittet sich allerdings die Schlussfolgerung darauf, dass eine Verteidigertätigkeit für Angehörige bestimmter Szenen voraussetzen könnte, selbst (...) verfassungsfeindlich gesinnt zu sein."

Das klingt gut. Doch weitere Indizien lassen vermuten, dass es ganz so einfach nicht ist.

Schon in seiner Jugend, damals noch als Mitglied der Jungen Union und als CDU-Stadtrat in Bad Salzuflen, war Jauch aufgefallen, weil er öffentlich den Hitlergruß gezeigt und rechte Lieder gesungen haben soll. Jauch schreibt, das hätten damals innerparteiliche Gegner über ihn behauptet, um ihm zu schaden. Die Behauptungen hätten nie bewiesen werden können. "Jedenfalls zog der Unterzeichner [Jauch, Anm. d. Red.] nicht mit 'Nazigesängen' durch die Düsseldorfer Altstadt." Im Übrigen sei er genau wegen dieser Beschuldigungen durch "Parteifreunde" 1987 aus der CDU ausgetreten und seitdem nie wieder Mitglied einer Partei gewesen.

Von 2001 bis 2003 fanden auf einem Grundstück in Lützen in Sachsen-Anhalt, das Jauch gehörte, Konzerte rechtsradikaler Bands wie Radikahl und Volkstroi statt. Dem Verfassungsschutz des Landes war das 2002 eine Erwähnung in seinem jährlichen Bericht wert. Jauch schreibt, er habe das Grundstück "an junge Leute vermietet". Die hätten dort "eine Reihe von Veranstaltungen durchgeführt". Die Polizei habe einige davon beobachtet, diese aber seines Wissens nach nie untersagt. Ob die Musikveranstaltungen "rechts" gewesen seien, habe er, Jauch, nie geprüft.

Dabei wäre ihm das wohl nicht schwergefallen. Jauch weiß, wie rechte Veranstaltungen aussehen. Er gab mindestens eine Rechtsschulung für NPD-Mitglieder und Neonazis, in der er ihnen erklärte, wie sie sich bei Verhaftung oder Vorladung gegenüber der Polizei verhalten sollten.

"An rechtsextremistisches Gedankengut heranführen"

Außerdem ist Jauch nach Recherchen von MDR und ZEIT ONLINE zusammen mit dem Neonazi Thorsten Heise eines der Gründungsmitglieder des Vereins Deutsch-Russische Friedensbewegung Europäischen Geistes. In der Gründungssatzung ist er handschriftlich als zehntes Mitglied aufgeführt. Jauch sagt, er habe als Anwalt den Auftrag bekommen, die Vereinssatzung zu gründen. Ziel sei "die friedliche Verständigung zwischen den Völkern in Deutschland und Russland". Das habe ihm zugesagt, daher sei er Gründungsmitglied geworden.

Der Verein mit Sitz in Fretterode in Thüringen hat nach Aussage des thüringischen Verfassungsschutzes hingegen das Ziel, "bislang nicht politisch Interessierte über unverfänglich erscheinende Vereinsbezeichnungen als Mitglieder zu gewinnen, sie nach und nach an rechtsextremistisches Gedankengut heranzuführen", um so das Anhängerpotenzial der rechten Szene zu vergrößern.

Interessant ist auch die Liste der übrigen Gründungsmitglieder. Es sind: der NPD-Funktionär David Petereit, der in Verbindung mit verbotenen Kameradschaften stehen soll. Der wegen Beteiligung an einem Sprengstoffanschlag verurteilte NPD-Funktionär Patrick Wieschke. Der erwähnte Thorsten Heise, ebenfalls in der NPD und in der Kameradschaftsszene aktiv. Die rechten Liedermacher Philip Tschentscher und Robert Stange. Schließlich Alexander Kleber, Anmelder mehrerer Nazidemos zum 13. Februar in Dresden. Alle anderen Gründer haben ebenfalls einen solchen Hintergrund. Vorsitzender des Vereins war laut Vereinsregister Herbert Schweiger aus Österreich. Bis zu seinem Tod 2011 war der frühere SS-Mann ein bekannter rechtsextremer Publizist.