All dies könnte man nun als unschöne Verwirrung am rechten Rand abtun, gäbe es da nicht ein weiteres Standbein, auf dem Jauchs anwaltliche Tätigkeit ruht. Das ragt tief in die Gesellschaft hinein. Nach Recherchen von MDR und ZEIT ONLINE haben sich mindestens elf Gemeinden in Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren von Jauch juristisch beraten lassen. Dafür haben sie ihm mehrere Hunderttausend Euro an Steuergeldern als Honorare überwiesen.

Zum Beispiel Zorbau, ein Dorf neben der Autobahn 9 nahe Weißenfels in Sachsen-Anhalt. Die Gegend zwischen Leipzig und Erfurt haben früher Tagebaubagger umgegraben, heute bestimmt Landwirtschaft das Bild. Rund 800 Menschen leben in Zorbau, ein kleiner Teich in der Dorfmitte, eine Handvoll Straßen, rundherum Felder. Doch im Gegensatz zu vielen anderen kleinen Orten in der Region geht es Zorbau seit Jahren  prächtig. Zwischen dem Dorf und der Autobahn liegt ein Gewerbegebiet. Es ist gut ausgelastet, dort steht unter anderem eine Müllverbrennungsanlage. Die Gewerbezone bringt jedes Jahr Millionen an Steuern ein.

Ursprünglich gehörten die Einnahmen Zorbau allein. Doch 2011 wurde der Ort in die Stadt Lützen eingemeindet. Seither muss Zorbau seine Einnahmen teilen. Dagegen wollte sich Zorbaus Bürgermeister 2010 wehren – mit der Hilfe von Thomas Jauch. Bürgermeister Dietmar Neuhaus (CDU) unterzeichnete einen Rechtsberatungsvertrag mit Jauch, der am 1. Januar 2010 in Kraft trat, Laufzeit zehn Jahre. Der Vertrag ist weder außerordentlich kündbar, was an sich schon seltsam ist, noch regelt er, was Jauch eigentlich für sein Geld tun soll. Ohne dass der Anwalt erkennbar etwas gegen die Eingemeindung unternahm, erhielt er bis zur Eingemeindung jeden Monat 1.000 Euro.

89.000 Euro für ein Rechtsgutachten

Am 9. März 2010 beschloss der Gemeinderat außerdem, mit Jauch noch einen weiteren fünf Jahre geltenden "Prozessführungsvertrag" abzuschließen. Dank diesem wurden Jauch weitere 89.000 Euro überwiesen. Nach den Regeln der Anwaltsvergütung hätten ihm dafür lediglich etwa 17.000 Euro zugestanden. Für ein Rechtsgutachten, das ausloten sollte, wie groß die Erfolgsaussicht einer Klage vor dem Landesverfassungsgericht gegen die Eingemeindung ist, erhielt Jauch noch einmal 59.000 Euro.

Damit nicht genug. Kurz vor der Eingemeindung übertrug der Gemeinderat auf Vorschlag von Bürgermeister Neuhaus die Grundstücke des so einträglichen Gewerbeparks an eine neu gegründete "Stiftung Zukunft Zorbau". Der Wert der Grundstücke: 3,6 Millionen Euro. Jauch erhielt einen Platz im Kuratorium der Stiftung. Drei Tage vor der Zwangseingemeindung bot die Gemeinde Jauch schließlich drei Grundstücke im Gewerbegebiet für einen Preis von acht Euro pro Quadratmeter zum Kauf an. Ein späteres Gutachten ergab, dass der Boden dort zwölf Euro pro Quadratmeter wert ist.

Bürgermeister Neuhaus sagt heute, er habe nichts von Jauchs politischem Hintergrund gewusst: "Uns gegenüber hat er sich nie so geäußert, dass wir gesagt haben, der ist uns zu radikal oder rechtssinnig."

Die Lokalpolitiker hätten es allerdings besser wissen können. Regelmäßig sorgen die Taten der Klienten, die Jauch vertritt, für großes Interesse in den Medien. Es geht um Anschläge auf Synagogen, Überfälle auf Ausländer, rechte Parolen. Es gibt diverse Berichte, in denen Jauch als Anwalt von Rechtsradikalen namentlich genannt wird. Niemand seiner öffentlichen Geschäftspartner störte sich daran.

So überwies die Gemeinde Sössen, die ungefähr zehn Kilometer Luftlinie von Zorbau entfernt liegt und nicht einmal 300 Einwohner hat, 2010 an Jauch 48.500 Euro. Auch Sössen wollte kein Ortsteil von Lützen werden. Jauch erstellte für Sössen nach Recherchen von MDR und ZEIT ONLINE ein Rechtsgutachten, in dem er die Chance einer Verfassungsklage positiv bewertete. Einen großen Teil des Geldes bekam er dafür. Der Sössener Bürgermeister war jedoch etwas vorsichtiger als sein Kollege in Zorbau. Dirk Könnecke, der heute Bürgermeister von Lützen ist, holte von einem Fachanwalt in Niedersachsen ein zweites Gutachten ein. Das riet von einer Klage ab, woraufhin Könnecke alle Verträge mit Jauch kündigte.

Einige Bürgermeister wurden irgendwann skeptisch

Noch zurückhaltender war man in Dehlitz, nördlich von Zorbau. Bürgermeisterin Christine Krößmann überwies 2010 an Jauch, der sie "juristisch beraten" sollte, insgesamt 5.300 Euro. Noch im gleichen Jahr aber distanzierte sie sich von ihm. Jauchs rechtsextremer Hintergrund habe sich in der Gemeinde herumgesprochen, sagt Krößmann.

Insgesamt überwiesen Sössen, Dehlitz und Zorbau allein 2010 Steuergelder in Höhe von knapp 240.000 Euro an Jauch. Das meiste Geld kam von Zorbau, dem Ort, in dem Jauch seine Kanzlei betreibt und in dem er offensichtlich die unkritischsten Kontakte hat. Daneben beriet er noch andere Kommunen, oft ging es dabei um den eigentlich nahezu sinnlosen Versuch, sich gegen eine Eingemeindung zu wehren. Die Orte Burgwerben und Wengelsdorf engagierten ihn zum Beispiel, die ebenfalls nicht zu Lützen gehören wollten. Oder das Dorf Westerhausen im Harz. Die Stadt Nienburg an der Saale ließ sich von ihm in anderen einem Verfahren ein Gutachten schreiben. Mit Güsten bei Aschersleben hatte Jauch elf Jahre lang einen Rechtsberatungsvertrag, mit Förderstedt im gleichen Landkreis einen über die Laufzeit von sechs Jahren.

Niemand störte sich an den prominenten Verfahren des Anwalts. In manchen Orten kamen dem Gemeinderat dann aber doch irgendwann Zweifel. In einem Fall nur, weil die Bürgermeisterin Jauch in seiner Kanzlei aufsuchen wollte, und ihr dort ein Mann in "Bomberjacke und Springerstiefeln" die Tür öffnete, wie sie sagt. Als Lützen die drei Dörfer Sössen, Dehlitz und Zorbau schluckte, erbte die Stadt auch die Verträge mit Jauch. Bürgermeister Könnecke – einer der frühen Zweifler –, kündigte sie, damit nicht weiter Steuergelder an den Anwalt fließen. Außerdem zeigte Lützen Jauch und weitere Beteiligte an.

Die Staatsanwaltschaft Halle hat inzwischen Anklage gegen Zorbaus früheren Bürgermeister Neuhaus und andere Gemeinderatsmitglieder erhoben; gegen Jauch wird gesondert ermittelt. In einem Prozess vor dem Landgericht Halle wurde Jauchs vertraglicher Anspruch auf die drei Grundstücke im Zorbauer Gewerbegebiet aufgelöst. Zudem stufte das Landesverwaltungsamt in Halle den Prozessführungsvertrag der Gemeinde Zorbau mit Jauch als "rechtswidrig" ein. Die Kommunalaufsicht verlangt nun 70.000 Euro von Jauch zurück.

Wegen "ungerechtfertigter Bereicherung" verklagt

Jauch schreibt dazu in seiner Email: "Die Rechtsauffassung der Kommunalaufsicht zum Prozessführungsvertrag mit Zorbau vermag der Unterzeichner [Jauch, Anm. d. Red.] nicht zu teilen. Die Gründe für die neuerdings abweichende Rechtsauffassung müssen Sie bei der Kommunalaufsicht erfragen." Deren Haltung ist eindeutig: Sie hat Jauch wegen "ungerechtfertigter Bereicherung" vor dem Landgericht Halle verklagt.

Die Frage, ob es nicht seltsam sei, wenn Gemeinden einen Anwalt engagieren, der als Vertreter der rechten Szene bekannt ist, beantwortet die Kommunalaufsicht vorsichtiger. Michael Wersdörfer, Referatsleiter Kommunalaufsicht im Landesverwaltungsamt, sagt: "Es ist überlegenswert, ob es gerechtfertigt ist, einen Vertrag mit einem Anwalt abzuschließen, der eine gewisse Affinität zu diesen Kreisen hat." Eine Handhabe besitze die Kommunalaufsicht aber nicht, die Gemeinden dürften das allein entscheiden. Doch sei es wohl ein Punkt, "den die Wähler bei ihrem Wahlverhalten" berücksichtigen sollten.

Trotzdem sagt es viel, wenn sich Gemeinderäte und Bürgermeister nicht daran stören, dass ihr Rechtsbeistand sonst hauptsächlich Nazis vertritt. "Mir fällt keine Kommune ein, die den politischen Hintergrund von Herrn Jauch nicht kannte", sagt Rüdiger Erben. Er ist stellvertretender SPD-Fraktionschef im Landtag von Sachsen-Anhalt und war davor unter anderem Landrat des früheren Kreises Weißenfels, in dem die Geschichte vor allem spielt: "Sie hätten es nicht nur wissen können", sagt er. "Ich bin überzeugt, sie wussten es."

Die Recherche ist ein gemeinsames Projekt von MDR und ZEIT ONLINE. Der MDR berichtet in mehreren Beiträgen über den Fall. Mehr dazu gibt es bei MDR Info und bei Sachsen Anhalt heute, am 11. Juni um 19 Uhr.

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