Pro: Betteln ist würdelos

Bettler gab es schon immer. Alle Kulturen und Religionen kennen das Gebot, Menschen in Not zu helfen und von seinem Besitz an die Armen abzugeben. Für die Ärmsten der Armen war das über Jahrtausende eine der wenigen Möglichkeiten zu überleben. Wie kann man so etwas verbieten wollen?

Tatsächlich hat die Bettelei aber noch eine andere Seite. Sie hält die Bettler in Abhängigkeit von den Almosengebern. Sie nimmt ihnen den Druck, für sich selbst zu sorgen. Und sie raubt ihnen ihre Würde. Das gilt im übrigen auch für die Tafeln, bei denen sich Bedürftige überschüssige Lebensmittel der Reichen abholen können.

Die Spender erleichtern ihr Gewissen, wenn sie einem Bettler ein paar Cent oder Euro in die Hand drücken, ohne dass sich an dessen Lage etwas ändert. Andere fühlen sich vom Anblick des ausgestellten Elends unter Druck gesetzt, geben also nicht aus Großherzigkeit, sondern nur, um das Bild loszuwerden.

Manche Passanten sind aber einfach genervt von aggressiven Bettelbanden, die aus der vermeintlichen Wohltätigkeit ein Geschäft machen. Sie schicken Frauen, Kinder oder Behinderte, wirklich Arme aus osteuropäischen oder anderen Ländern, auf die Straße. Und hinterher knöpfen sie ihnen das gesammelte Geld ab. Das ist Ausbeutung.

Für alle, die ohne Schuld in Not geraten sind und die sich nicht selber helfen können, gibt es in unserer Gesellschaft Sozialeinrichtungen, karitative Organisationen, Streetworker und Schuldenberater. Wer etwas Gutes tun will, sollte sie unterstützen. Damit erreicht er weit mehr als mit einer milden Gabe auf der Straße. Und erspart den Hilfeempfängern, sich durch Bettelei erniedrigen zu müssen. Reine Schnorrer jedoch mag die Polizei ruhig vertreiben.

Contra: Ein Angriff auf die Mitmenschlichkeit

Oh ja, das wäre schön, wenn es keine Bettler mehr gäbe! Viele sind ja echt unsympathisch, hässlich sind sie auch manchmal und stinken, einige sind gar kriminell, und eigentlich alle sind lästig – und wie schön wäre ein Leben ohne Belästigungen!

Ein Bettelverbot, wie es die norwegische Regierung plant, entsolidarisiert die Gesellschaft. Das Gesetz verbietet im Kern etwas Existenzielles: Dass ein Mensch einen anderen um Hilfe bittet. Es stellt Mitmenschlichkeit unter Strafe.

Betteln sei würdelos, sagen die Befürworter. Dieses Argument ist für sich eine Entwürdigung, weil es den Betroffenen abspricht, selbst entscheiden zu können, ob sie betteln oder nicht. Es ihnen verbieten zu wollen, befreit sie nicht, sondern entmündigt sie zusätzlich.

Viele Bettler seien kriminell, sagen die Befürworter. Es gebe da einen "Zusammenhang", begründet der norwegische Justizminister den Plan. Er hat Recht. Nur ist nicht jeder Zusammenhang gleich ein Begründungszusammenhang. Bettlerbanden sind nicht kriminell, weil sie betteln, sondern weil sie Kriminelle sind. Nach der Logik müsste man auch Banken verbieten um Finanzkriminalität zu verhindern und Autos abschaffen, damit weniger Menschen auf den Straßen sterben. Das norwegische Gesetz ist ein Beispiel für Politik, die sich nicht mehr die Mühe macht, nach Gründen zu fragen.

Um die Armen kümmert sich der Staat, Ämter und Streetworker, sagen die Befürworter, das muss reichen. Darin kommt der Wunsch zum Ausdruck, das eigene soziale Gewissen auszulagern: Wenn die Institutionen sich kümmern, muss ich es nicht mehr tun.

Doch Mitmenschlichkeit lässt sich nicht delegieren. Wir alle müssen das Elend sehen, ertragen, und uns dazu verhalten. Es geht ja nicht weg davon, dass wir es verbieten. Wenn die Bettler uns nach Kleingeld fragen, dann müssen wir ihnen nichts geben. Wir können Nein sagen. Aber wir müssen uns die Frage gefallen lassen.