Martin Curi ist sich ganz sicher, dass es eine großartige WM wird. "Die meisten Demonstrationen in Brasilien gehen doch gar nicht gegen die Großereignisse", sagt er, "die WM wird als Vorwand verwendet, um für höhere Gehälter zu streiken". Ihm geht das schrecklich auf die Nerven, aus mehreren Gründen. Erstens, weil er ein fanatischer Fußballfan ist: Er hat schon mehrere Bücher über brasilianische Spieler und ihre Spielkultur verfasst, er forscht am Nationalmuseum von Rio de Janeiro wissenschaftlich zum Thema Fußball und während der WM will er sogar als DFB-Botschafter deutsche Fans an den Spielorten betreuen. Zweitens gehen die Demos ihm auf die Nerven, weil er Vorlesungen an der Universität zu halten hat. Das gelingt ihm vor lauter Streiks nicht so recht. "Mal sind die Professoren im Ausstand, mal die Polizisten und mal die Busfahrer, jetzt herrscht schon seit Wochen Chaos in der Stadt."

Klingt nicht gerade nach guter WM-Stimmung? "Ach, wenn Brasilien dann sein erstes Spiel spielt, wollen natürlich doch alle zuschauen", meint er. Dann werde auch gefeiert. "Heute habe ich eine ganze Reihe Mädchen in der Kopierzentrale der Uni getroffen und die planen schon ihre Grillpartys für den 12. Juni."

Für Fans aus den beiden Favoritenländern Deutschland und Brasilien, glaubt Martin Curi, begännen mit dem Anpfiff allerdings erst die Probleme: Verständigungsschwierigkeiten massiver Art. "Zum Beispiel diese allgemeine Niedergeschlagenheit in Brasilien, die kann man sehr leicht völlig missdeuten", sagt Curi. "Eine pessimistische Stimmung hat es in Brasilien noch vor jeder Weltmeisterschaft gegeben. Vor dem ersten Spiel geben die keinen Pfiff auf ihre eigene Mannschaft!"

Curi trägt heute ein verwaschenes Bayern-München-Trikot, auf der Nase hat er eine gelehrige Brille und an den Ohren dezente Ringe. Er wartet in der Innenstadt von Rio de Janeiro darauf, dass die Lesung aus seinem neuesten Büchlein beginnt: Mit dem deutschen Lateinamerika-Spezialisten Stephan Hollensteiner und dem brasilianischen Literaturprofessor Elcio Cornelsen hat er ein brasilianisch-deutsches Fußball-Wörterbuch verfasst, das dank diverser Förderer kostenlos an etlichen Spielstätten zur WM verteilt wird.

Braucht man so etwas denn, Martin Curi? "Braucht man Fußball?", fragt der zurück. "Wir sprechen hier immerhin von den beiden erfolgreichsten WM-Nationen aller Zeiten", fügt er hinzu, "die allerdings sehr unterschiedlich sind und häufig ganz anders über den Fußball sprechen".

Naja, manchmal auch nicht. Eine Bananenflanke, so kann man dem Wörterbüchlein gleich auf Seite 12 entnehmen, heißt in Brasilien ganz genauso: Cruzamento de Banana. Es wird darauf hingewiesen, dass dies "eine in Deutschland erfundene Kunst" sei, "den Ball in einer raumgreifenden Flugbahn zum Mitspieler zu spielen", und dass einer der wichtigsten Mitspieler überhaupt, dem man eine solche Bananenflanke als Vorlage servieren könne, historisch gesehen der ehemalige HSV-Mittelstürmer Horst Hrubesch sei. Der habe viele solcher Bananenflanken in Tore verwandelt und dies auch gut zu erklären gewusst: "Manni Banane, ich Tor." Fahrstuhlmannschaft (Time de Elevador), Duell (Duelo), Dribbling (Drible) oder Herbstmeister (Campeão de Outono), das ist alles ungefähr gleich in beiden Sprachen.