Zum Beispiel Mohammed Koc. Der 30-Jährige steht mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf einer Kreuzung am Kurfürstendamm in Berlin. Neben ihnen spannen Mädchen gerade eine riesige Palästinaflagge auf, und Koc sagt, nein, er habe nichts gegen Juden, aber.

Es geht an diesem Freitag um dieses große Aber. Darum, wie rund 1.200 Menschen nichts Böses gegen Juden sagen, aber umso mehr über den jüdischen Staat Israel. "Aber ich habe was gegen die Zionisten", geht der Satz zum Beispiel bei Koc weiter. "Die töten Kinder und die Welt schaut zu", sagt er. "USA, EU, die sind doch alle auf Seiten der Zionisten", die Palästina besetzt hätten. Wahrscheinlich hätten "die Politiker hier selbst die Befehle gegeben" für die Angriffe auf den Gazastreifen, vermutet Koc. Und auf der Bühne ein paar Meter neben ihm ruft der Redner gerade: "Berlin ist nun mal das Zentrum der zionistischen und amerikanischen Lobby in Deutschland!"

Am heutigen Freitag ist Al-Quds-Tag. Erfunden hat ihn vor Jahrzehnten der iranische Geistliche Ayatollah Chomeini, der Anführer der islamischen Revolution. Al-Quds ist der arabische Name für Jerusalem, bei den Demonstrationen an diesem Tag geht es um die Rückeroberung der Stadt von den Israelis. Aber jetzt ist da ein aktuelleres Thema, das viel mehr Menschen auf die Straßen treibt als in den Jahren zuvor und alles anheizt: Der Gaza-Krieg.

Gaza-Krieg - Massive Proteste begleiten Anti-Israel-Demo in Berlin

Bereits mehr als 800 Palästinenser sind dabei gestorben und mindestens 31 Israelis. Diese Zahlen sagen sie hier alle auf, meist empört und mit einer kleinen Wirkungspause. Als sie dieses Aufrechnen der Leichen schon Beweis genug, wer Täter sei und wer Opfer. Hier demonstrieren diejenigen, die die Schuldfrage in diesem wohl kompliziertesten und folgenreichsten Konflikt der Welt für sich beantwortet haben.

Grenze zwischen Kritik an israelischer Politik und Antisemitismus

Seitdem es vergangene Woche bei mehreren ähnlichen Demos in Deutschland zu Schmährufen gegen Juden und Adolf-Hitler-Parolen gekommen war, wird auf den deutschen Straßen eine alte Frage neu verhandelt: Wo genau verläuft die Grenze zwischen Kritik an israelischer Politik und Antisemitismus? Gibt es in Deutschland eine neue Welle des Antisemitismus, die von muslimischen Migranten und ihren Nachfahren ausgeht? Hetze gegen Juden löst bis heute die größtmögliche Ächtung und Empörung in Deutschland aus. Dieser historisch begründete Mechanismus funktioniert.

Deshalb geben sie sich hier nun alle Mühe, dieses eine Wort penibel zu vermeiden. Der Demo-Veranstalter stellt zu Beginn die Regeln auf: "Gläubige Juden sind unsere Brüder, Zionisten sind unsere Feinde." Und: "Bitte achtet auf Ordnung und kontrolliert eure Emotionen, wir sind hier in Berlin und nicht in Gaza." Außerdem: "Ruft nicht Allahu Akhbar, dazu haben die Deutschen nur schlechte Assoziationen. Ruft: Gott ist größer!"

Arabische Übersetzer für die Polizei

Die allermeisten halten sich daran. Extra arabische Übersetzer hatte die Polizei mitgebracht, um gegebenenfalls illegale Slogans direkt erkennen und stoppen zu können. Sie brauchen sie nicht.

"Jude, Jude, feiges Schwein" hatten einige vergangene Woche in Berlin gerufen und damit die Debatte um Antisemitismus erst so richtig ins Rollen gebracht. Diesmal rufen die "Israel, du feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein."

Man kann nun zumindest vermuten, dass sie "Israel" sagen und "Juden" meinen, ihre Worte also aus taktischen Gründen wählen. Vielleicht ist das aber auch eine ungerechte Unterstellung, vielleicht sollte man sie einfach beim Wort nehmen. Dass sie gar nichts gegen Juden haben, sondern eben nur gegen die israelische Politik. Gegen das "zionistische Regime", wie sie das nennen.