Mehr als 2.000 Menschen haben sich in Berlin versammelt, um anlässlich des Al-Quds-Tages gegen den israelischen Militäreinsatz im Gazastreifen zu demonstrieren. Parallel kamen etwa 700 Unterstützer Israels zusammen, die unter anderem die Befreiung Gazas von der Hamas forderten, ebenfalls weit mehr als erwartet. Sie schwenkten Antifa- und Israel-Flaggen. Polizisten trennten beide Lager.

"Kindermörder Israel, Frauenmörder Israel", skandierten die Israelkritiker. Auf Plakaten forderten sie einen Stopp des – nach ihren Worten – Völkermords in Gaza. 20 bis 30 propalästinensische Demonstranten stimmten laut Tagesspiegel die Parole "Israel vergasen!" an – ein Fall, den die Polizei als Volksverhetzung einstufen könnte. Auf Aufforderung von anderen Al-Quds-Demonstranten unterließen sie die Rufe nach kurzer Zeit, berichteten Reporter. Auch "Sieg-Heil"-Rufe seien zu hören, meldete die Berliner Zeitung. Die Polizei habe die Rufer nicht ausmachen können, hieß es. Die Ordner der Demonstration versuchten Reportern zufolge, die Rufe sofort zu unterbinden.

Im Verlauf des Nachmittags trafen die Israel-Gegner an der Wegstrecke immer wieder auf proisraelische Demonstranten. Im Wesentlichen blieben die Proteste friedlich, es gab kleinere Rangeleien und einzelne Festnahmen.

Gaza-Krieg - Massive Proteste begleiten Anti-Israel-Demo in Berlin

Ein proisraelischer Demonstrant provozierte die Gegner, indem er mit einer Israel-Flagge wedelte. Mehrere Al-Quds-Demonstranten versuchten daraufhin, die Polizeiabsperrung zwischen den beiden Kundgebungen zu durchbrechen. Es gab ein kurzes Handgemenge mit den Beamten. Die Polizei nahm den Provokateur in Gewahrsam. Und Ordner des Al-Quds-Aufzuges sollen Polizisten angegriffen haben. Passanten wollen unter den Teilnehmern zudem Neonazis aus Brandenburg ausgemacht haben. 

Der von den iranischen Ajatollahs initiierte Al-Kuds-Tag soll an die Besetzung Ost-Jerusalems durch Israel während des Sechstagekrieges 1967 erinnern und zur Befreiung motivieren. Al-Kuds ist der arabische Name für Jerusalem. Zu dem alljährlich vom Iran initiierten Aufmarsch gegen das Existenzrecht Israels waren in dem westlichen Stadtbezirk Berlins 1.500 Teilnehmer angemeldet. Angesichts des Gaza-Konflikts hatte der Tag eine neue Brisanz bekommen. Auch in Stuttgart, Hannover und Bonn gab es Demonstrationen.

Bundesweit hatte es in den vergangenen Tagen bei Protesten gegen die israelische Offensive vermehrt judenfeindliche Beschimpfungen gegeben. Die Polizei erteilte deshalb harte Auflagen: So dürfen die Demonstranten keine antisemitischen Parolen skandieren oder welche, in denen Gewalt gegen Juden gutgeheißen wird. Außerdem dürfen sie keine Fahnen oder Puppen verbrennen.

Die Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nurhan Soykan, hatte die Demonstranten im Deutschlandradio Kultur zur Mäßigung aufgerufen. "Wir haben uns immer davon distanziert, Juden im Allgemeinen anzugreifen und zu beleidigen", sagte Soykan. "Aber es muss auch möglich sein, die israelische Politik, genauso wie die Politik anderer Länder, kritisieren zu dürfen." 

Muslimische Verbände in der Opferrolle

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, klagte über "eine regelrechte Schockwelle von Antisemitismus auf deutschen Straßen." Wenn dazu aufgerufen werde, Juden zu vergasen, zu schlachten, zu verbrennen und Synagogen anzugreifen, "dann ist eine neue Dimension von Feindseligkeit erreicht", sagte er Focus Online. Er habe das in Deutschland nicht mehr für möglich gehalten, "nicht einmal in meinen schlimmsten Alpträumen".

Die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, kritisierte die muslimischen Verbände. "Beteuerungen, dass die freiheitlichen demokratischen Grundwerte geachtet werden, reichen mir nicht. Täglich erleben wir das Gegenteil", sagte Knobloch. Die muslimischen Verbände gefielen sich "zu oft in ihrer vermeintlichen Opferrolle" und täten "zu wenig gegen die Aggression und die Gewaltbereitschaft in ihren Reihen".

Weltweit fanden Demonstrationen zum Al-Quds-Tag statt. Im Iran verbrannten Israel-Gegner Flaggen. In Frankreich wurde eine Kundgebung verboten. 

In Beirut sprach der Chef der libanesischen Hisbollah-Miliz, Hassan Nasrallah. In einem seiner seltenen Auftritte bekundete er seine Solidarität mit den Palästinensern im Gazastreifen. "Palästina" bleibe das "Hauptanliegen" der muslimischen Welt, sagte er. Nasrallah tritt aus Angst vor Anschlägen durch seinen Erzfeind Israel nur selten in der Öffentlichkeit auf.

Informationen über den Verlauf der Demonstrationen auf Twitter hier.