"Keine Gewalt!" – diese zentrale Losung aus den frühen Tagen der friedlichen Revolution, die von Leipzig aus die gesamte DDR ergriff – war für den evangelischen Pfarrer Christian Führer "die kürzeste Zusammenfassung der Bergpredigt" – jenes verheißungsvollen Teils des Matthäusevangeliums. Am 9. Oktober 1989 praktizierten Zehntausende Demonstranten diese Losung auf den Straßen Leipzigs als Lebenshaltung und -hoffnung. Aus dem gerufenen Wort wurde die alles verändernde Tat. 

Daran, dass Gewaltlosigkeit als Handlungsmaxime aus den Kirchen herausdrang und die Massen ergriff, hat der gestern im Alter von 71 Jahren verstorbene Pfarrer der Nikolaikirche einen wichtigen Anteil.

Besonders pastoral wirkte der Mann mit dem grauen Bürstenhaarschnitt nie. Die ärmellose Jeansjacke und der schwarze Diplomatenkoffer – so etwas wie eine zivile Dienstkleidung – besaß er in mehrfacher Ausfertigung. Erst der Blick auf die zahlreichen Aufkleber auf seinem Koffer machten seine weltanschauliche Haltung allen publik: "Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein" und "Frieden schaffen ohne Waffen" stand da neben dem Zeichen der DDR-Friedensbewegung "Schwerter zu Pflugscharen".

Mit derselben bestimmten, aber unaufgeregten Art verkündete er in der Kirche das Wort Gottes, nahm für die Armen und Schwachen dieser Welt Partei und widerstand zu DDR-Zeiten allen Anfeindungen und Drohungen der Staatsmacht. Sieben Jahre lang.

1982 hatte er die Nikolaikirche für wöchentliche Friedensgebete geöffnet. Den Anstoß gaben oppositionelle Jugendliche, denen in der Hochphase der Nachrüstungskonfrontation zwischen Ost und West die Friedensdekade der Kirchen zu wenig war. Die Friedensgebete fanden von da an Woche für Woche jeden Montag statt. 

Zum Plenarsaal herabgewürdigt

Auch starker Druck von außen konnte das nicht ändern. Ebenso nicht ein kircheninterner Streit darüber, wie politisch die von Leipziger Basisgruppen gestalteten Fürbittandachten sein dürften.

Christian Führer wandte sich dagegen, die Kirche "zum Plenarsaal herabzuwürdigen" und verwies die jungen Bürgerrechtler im August 1988 des Hauses. Der innerkirchliche Koordinator der Friedensgebete, Pfarrer Christoph Wonneberger, wurde von seiner Aufgabe entbunden. Doch bereits im Frühjahr 1989 ging Christian Führer erneut auf die Basisgruppen zu und holte sie in die Nikolaikirche zurück.

Pfarrer dieser Kirche wurde der 1943 in Leipzig geborene Führer 1980. Der Pfarrerssohn war in Eisenach aufgewachsen, nach dem Theologie-Studium in seiner Vaterstadt folgten Pfarrstellen in Lastau und Colditz. Maßgeblich beteiligte er sich am Konzept "Offene Stadtkirche". In diesem Sinne öffnete er seine Kirche im Februar 1988 mit dem Vortrag "Leben und Bleiben in der DDR" auch für Antragsteller auf Ausreise aus der DDR.

Sie zum Bleiben zu bewegen, gelang ihm zwar in den wenigsten Fällen. Aber er gab ihnen im von ihm gegründeten Gesprächskreis für Ausreisewillige Hoffnung im wahrsten Sinne des Wortes. Und er zog immer mehr Menschen in die Montagsgebete. Über sich hinaus wuchs Christian Führer aber, als er im Sommer 1989 die Friedensgebete nach der Sommerpause wieder aufnahm – gegen den entschiedenen Einspruch der SED-Bezirksleitung,

Zusammen mit staatlichen Behörden hatte die Partei alles versucht, die Friedensgebete "auf unbestimmte Zeit" auszusetzen. Doch der Kirchenvorstand von St. Nikolai ließ sich nicht einschüchtern, bestand auf den termingerechten Beginn am 4. September 1989. Christian Führer schrieb an den Oberbürgermeister: "Seit zwei Monaten ist der Termin öffentlich bekannt ... Die Menschen kommen am Montag 17 Uhr. Ein Aussetzen unsererseits würde auf völliges Unverständnis stoßen und zu einer Verschärfung der Situation führen ... Ein Missbrauch des Montagsgebetes ist von uns nicht festgestellt worden." Eher seien "durch die sichtbare Polizeipräsenz" vor der Sommerpause "steigende Spannungen zu verzeichnen" gewesen.