© Adrian Pohr/ZEIT ONLINE

Die Spree glitzert in der Sonne. Um einen niedrigen Holztisch sitzt eine Gruppe Männer. Sie genießen den Ausblick, links die Oberbaumbrücke, am gegenüberliegenden Ufer das Gebäude von Universal Music. Die Männer rauchen einen Joint nach dem anderen und reden über Politik. "Die Sklaverei des kommerziellen Dünnschiss" ist Thema – und dass Angela Merkel Politik mache, die nur für die Reichen gedacht sei. "Wir sind Anti-System", erklärt Mark, der auf dem linken Unterarm ein großes "Made in Germany"-Tattoo trägt. Mark lebt wie mehr als hundert andere Menschen auch auf einer Brache in Berlin-Kreuzberg.

Das Gelände an der Cuvrystraße ist einer der wenigen Freiräume, die es im Herzen Berlins noch gibt. Eigentlich ist die Lücke in der Häuserzeile Bauland, das einem Münchner Investor gehört. Aber die Brache ist auch Lebensraum und Teil einer Ideologie, die es für viele zu verteidigen gilt. Sie ist Überbleibsel aus einer Zeit, in der Kreuzberg noch ungepflegt war, die Mieten niedrig, die Straßen voll mit Punks. Wer durch eine Lücke im Bauzaun die Brache verlässt, tritt ins Kreuzberg von heute. Ein hippes Lokal reiht sich an das nächste, junge Touristengruppen laufen die Straße entlang. Mache kommen auf die Brache, um die zwei großen Graffitis zu sehen. "Das ist ja ein richtiges Getto", sagt ein Tourist Anfang Zwanzig, der im Laufschritt das Gelände verlässt.

Ein "Getto" wurde die Cuvry-Brache offiziell noch nicht genannt. Doch von Berlins erster "Favela", einem "Slum" und einer "Dreck-Siedlung" war die Rede. Der Besitzer des Geländes will dem nun ein Ende machen, die Brache zu einem Teil des neuen Kreuzberg machen. Er soll die Räumung beantragt haben, will eine Wohnanlage, eine Kita und einen Supermarkt bauen.

"Ich bin ja nicht rechts, aber …"

Darüber machen sich die Bewohner aber wenig Sorgen. "Es gibt immer wieder Gerüchte, dass geräumt werden soll, passiert ist bisher aber noch nichts", erzählt einer in der Männerrunde am Ufer. Ein anderer scherzt: "Wir brauchen Benzin und Altöl, dann errichten wir einen brennenden Graben gegen die Bullen." Doch dieses "wir" gibt es nicht auf der Brache, nicht alle ziehen an einem Strang. "Ich nehme alle mit offenem Herzen auf", sagt Mark. Das Aber folgt aus der Runde: "Die sollen sich hier nicht so breit machen!" Ein anderer erwidert: "Ich bin ja nicht rechts, aber wenn ein Flugzeug die mal alle wieder da hinbringen würde, wo sie hergekommen sind … Da hätte ich nichts dagegen."

Ob er damit die polnischen Wanderarbeiter und Pfandsammler oder die Sinti- und Roma-Familien meint, sagt er nicht. Auf der Brache leben die Menschen eng aneinander, aber auch räumlich getrennt. In Ufernähe stehen Zelte und zwei Hütten. Hier leben die, die freiwillig gekommen sind, um gegen das System zu kämpfen, wie Mark. Vor zwei Jahren waren sie die ersten, die ihre Zelte hier aufschlugen. An der Seite zur Cuvrystraße ist eine kleine Siedlung entstanden, Hütten aus Holz und Wellblech reihen sich aneinander. In ihnen leben Roma und Sinti. Weiter vorn, an der Schlesischen Straße, mischen sich die Bewohner, Wanderarbeiter und andere Obdachlose wohnen hier neben überzeugten Curvyanern.

Berlin - Wohnen auf Brachland am Kreuzberger Spreeufer

Die Modell-Hütte

Überzeugung hält auch Chiara auf der Brache. Die italienische Architektin lebt hier seit fast eineinhalb Jahren mit ihrem Freund Yuki, einem japanischen Künstler. Erst bei Schnee und Regen im Zelt, bis sie ihre Hütte bauten. Chiara sitzt auf einem Sofa auf ihrer Terrasse und erzählt stolz, dass ein Museum die Hütte kaufen und ausstellen möchte. Sie ist ein Vorzeigeobjekt, gebaut ohne Strom und aus recyceltem Holz. In der Mitte der Terrasse gibt es eine Feuerstelle, daneben einen kleinen Grill. Chiara und Yuki kochen dort oder in dem schmalen Vorraum der Hütte. Eine Kochplatte steht dort zwischen Geschirr, vor dem Fenster ein Blumenstrauß. Im Wohnraum nebenan gibt es einen Tisch, eine Couch und ein Hochbett. Was in Chiaras Hütte und auf dem ganzen Gelände fehlt, ist Strom, Waschbecken, Toiletten und Duschen.

Chiara hat sich mittlerweile daran gewöhnt. "Morgens gehen wir zum Bäcker Frühstück holen und nutzen dort die Toilette", erzählt sie. Duschen, Wäsche waschen und Handys aufladen können Chiara und Yuki in einem Atelier, das sie gemietet haben. Andere Bewohner der Brache haben diese Möglichkeit nicht.