Solidaritätsdemonstration für die Palästinsenser in Berlin (Archivbild von Freitag) © Carsten Koall/Getty Images

Ein Teil der Deutschen geht wieder auf die Straße. Nicht gegen Putin, nicht gegen die russische Invasionspolitik – bei der Annektierung der Krim blieb es eigentümlich still – sondern gegen Israel. Sie wenden sich auch nicht gegen den furchtbaren Nahost-Konflikt an sich, gegen alle beteiligten Akteure, demonstrieren für den Frieden in der Region, nein, sie demonstrieren gegen Israel.

Russland und Israel haben eines miteinander gemeinsam: Es sind beides Länder, denen gegenüber sich Deutschland aus historischen Gründen zu Recht in der Schuld fühlt. Doch haben die Deutschen sehr verschiedene Umgangsformen mit den beiden ehemaligen Opferländern der Nazi-Gewaltherrschaft etabliert.

Es lohnt sich, zu überlegen, warum vor allem Linke in Deutschland dem einen Land ständig mit einer Dauerschon-Haltung begegnen, hingegen das andere – gern als Vorposten der USA im Vorderen Orient gesehen – zur Zielscheibe von Hass mutiert ist.

Auch in deutschen Medien waren in den vergangenen Wochen immer wieder Artikel zu lesen, die dezidiert Positives über Russland zu berichten wussten – zumindest bis zum Abschuss der Boeing auf dem Gebiet der Separatisten in der Ukraine. Ein besonders makaberes Beispiel hierfür liefert Jakob Augsteins Kolumnenbeitrag Warum die Schuldfrage nicht weiterführt, in dem er schreibt, weil die Amerikaner vor 26 Jahren irrtümlich einen Airbus abgeschossen hätten, müsste man jetzt Putin auch gewähren lassen. Nach dieser Logik hätte jetzt jedes Land mal einen Abschuss frei.

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Diese Haltung betrifft nicht nur einige Medien, sondern auch die Politik. In der SPD muss sich die Schröder-Nachfolge-Generation noch mit Schröders Diktum vom lupenreinen Demokraten herumschlagen. Die Vorstellung der Achse Paris-Berlin-Moskau, also einer kontinentaleuropäischen Union gemeinsam mit Russland als Gegenmodell zum transatlantischen Bündnis, spukt noch immer in manchen Köpfen. 

In der Linkspartei wiederum herrscht ein noch ungetrübteres Verhältnis zu Russland. Viele Mitglieder der Linkspartei sympathisieren mit Putins Sichtweise. Seit jeher sieht es die Linkspartei als ihre besondere Aufgabe an, russische Interessen zu berücksichtigen. Nach Ansicht einzelner Funktionäre wie Sahra Wagenknecht regieren in Kiew mit dem Segen von Merkel die Faschisten, während sich die US-Diplomatie "die Hände reibt".

Hinzu kommt, dass viele deutsche Politiker ein persönliches Russland-Trauma haben: Ihre Väter haben dieses Land im Zuge eines Angriffskriegs mit Not und Elend überzogen, sich in Russland eines beispiellosen Mordens schuldig gemacht. Deshalb sind und stehen die Deutschen in Russlands Schuld. Eine ganze Generation von russischen Vätern und Müttern lebt noch, der die Deutschen alles genommen haben. Aber hier kann keine ideologische Wiedergutmachung getätigt werden, indem man heute Putin mit Nachsicht behandelt und ein romantisches, auf den großen kulturellen Leistungen des Landes basierendes, Russlandbild aufrechterhält.  

Doch kann man Schostakowitsch, Dostojewski und Tolstoi lieben und die Politik des Systems Putin dennoch rundheraus ablehnen. Man könnte sogar argumentieren, dass die großen Werke der russischen Literatur und Musik eher antihierarchisch und unheroisch ausgerichtet sind (man denke an die 7., die "Leningrader" Sinfonie von Schostakowitsch, in welcher der Untergang der Deutschen Armee sehr würdevoll und mit Respekt intonisiert wird) – im Geiste Putins wurden sie jedenfalls nicht geschaffen. Diskussionen über Russlands Politik entwickeln sich jedoch schnell hin zur Schönheit der russischen Sprache und dem Zauber der Eremitage in St. Petersburg. Das spricht natürlich nicht gegen den Wohlklang des Russischen oder die Erhabenheit des berühmtesten Museums Russlands, sondern gegen die Fähigkeit der Deutschen, Sphären voneinander getrennt zu betrachten und nicht politische Haltungen auf einem gefühligen Potpourri zu gründen.