Katholisch ist in Deutschland zur Maßeinheit geworden für den Abstand zwischen Lehre und Leben. Die Mehrheit der Katholiken hält entweder nichts von der Sexualmoral der Kirche oder hält sich nicht daran. Doch ist eine Mehrheit glücklicher geworden, seit nicht mehr der Vatikan über ihre Nachaktivität wacht, sondern "Cosmopolitan" und Co. Tipps geben, wie das Bett bebt? Man muss nicht Kardinal Müller heißen, um zu verneinen.

Die römisch-katholische Kirche kämpft besonders leidenschaftlich um die große, lebenslange Liebe. Sie zieht sich dafür aus, bis an die Grenze der Peinlichkeit. In der vergangenen Woche veröffentlichte Lorenzo Kardinal Baldisseri, der Generalsekretär der Bischofssynode zum Thema Familie, ein Papier mit dem wenig sinnlichen Titel "Instrumentum laboris". Zum ersten Mal wird darin die weltweite Umfrage zu den Themen Ehe, Partnerschaft und Sexualität zusammengefasst. Die nackte Tatsache: Von der Lehre der Kirche kommt kaum etwas an der Basis an, auch nicht in Ländern, in denen die Zahl der Gläubigen wächst. So viel ehrliche Haut wie in dieser Arbeitshilfe war selten in einem vatikanischen Papier zu besichtigen. Bisher ließ sich die Wirklichkeit gut mit Kostümen verhüllen.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und das oberste Laiengremium sind deshalb voll des Lobes. Auf der Basis des Papiers sei ein offener Dialog möglich, sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück. Das klang fast so, als bewege sich die Lehre aufs Leben zu.

Doch Rom legt den Katholiken den umgekehrten Weg ans Herz: Die Lehre ist gut, das Leben schlecht. Die Sprache für das Gute und Wahre ist poetisch. Von der Schönheit der Ehe ist die Rede, von der Familie als Schule der Liebe, sogar die Zärtlichkeit kommt vor. Das Unschöne wird mit der technokratischen Vokabel "irreguläre Lebenssituation" bedacht. Zweite Ehe, Homo-Ehe, Sex ohne Ehe, In-vitro-Kinder und verhinderte Kind, das alles kommt in der Wirklichkeit vor, aber nicht in der Wahrheit. Schuld an der Verführung zum Irregulären sind Konsumismus, Ex-und-hopp-Mentalität und Gender-Ideologie. All das verhindert, dass zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts vor Gott ein Versprechen abgeben und sich daran halten.

Die Schelte der bösen Welt, die das Gute verhindert, ist aus kirchlichen Dokumenten altbekannt. Neu ist jedoch die Verve, mit der das vatikanische Papier das eigene pastorale Personal beschimpft: Priester erscheinen als Versager, die weder ansprechend predigen noch das Naturrecht intellektuell durchdringen. "Es wird daher darum gebeten, dass die Priester bei der Erklärung des Wortes Gottes und in der Darstellung der Dokumente der Kirche im Hinblick auf Ehe und Familie besser vorbereitet und verantwortungsvoller sein sollen." Wertschätzung klingt anders. Geistliche Gemeinschaften dagegen haben ganze Lobbyarbeit geleistet. Anders als der Pfarrer mit A-14-Gehalt aus der Konzilsgeneration kommen sie glänzend weg.

Die Lehre der Kirche ist offenkundig unantastbar. Im Land des Grundgesetzes erwartet aber ein Teil der Gläubigen Änderungen an just dieser Lehre. Vor allem das Thema wiederverheiratete Geschiedene gilt vielen als Gradmesser für die Ernsthaftigkeit des franziskanischen Reformwillens. Ergebnisoffen ist das "Instrumentum laboris" auch hier nicht. Den Betroffenen solle besser erklärt werden, warum sie des Sakramentenempfangs nicht würdig sind. "Besorgniserregend ist auch das Unverständnis im Hinblick auf die Disziplin der Kirche, welche in diesen Fällen den Zugang zu den Sakramenten verweigert, so als ob es sich hier um eine Strafe handelte." Wiederverheiratete Geschiedene gehen an der Kommunionbank weiter von Amts wegen leer aus, aber ihnen wird die Leere besser erklärt.

Deutsche Reformideen gibt es reichlich, etwa die Freiburger Handreichung und die Empfehlung der oberrheinischen Bischöfe von 1993. Erst kürzlich hat einer der Oberrheiner, Kurienkardinal Walter Kasper, Franziskus einen Weg aufgezeigt, wie auch in einer zweiten Ehe der Sakramentenempfang möglich ist. Alle diese Vorschläge setzen auf die Gewissensentscheidung des Gläubigen und des Seelsorgers. Wer sich würdig fühlt und vom Geistlichen für würdig befunden wird, soll die Kommunion empfangen dürfen. Das "Instrumentum laboris" watscht dagegen das Gewissen ab: "Dem Gewissen und der individuellen Freiheit wird die Rolle einer absoluten Wertinstanz zugeschrieben, die Gut und Böse festlegt." Die innere Stimme ist nur gut, wenn sie die Stimme der Kirche doppelt. Spricht sie anders, ist das Gewissen des Individualismus und, Gott bewahre, Protestantismus verdächtig.

Im Herbst werden sich die Bischöfe der Weltkirche in Rom zu einer Familiensynode treffen. Sie haben es in der Hand, wie offen der Prozess tatsächlich ist. Sie entscheiden, ob sie sich von der Arbeitshilfe helfen lassen wollen. Sie können unwidersprochen hinnehmen, dass sie selbst und ihre Seelsorger als Vermittlungsversager abgestempelt werden. Sie könnten sich aber auch emanzipieren und sagen: Die Lehre ist zu schön, um wahr zu sein.