Exakt 178.805 Katholiken sind im vergangenen Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten, das hat die Deutsche Bischofskonferenz am Freitag pünktlich zum Mittagsgeläut vermeldet. Damit liegt die Zahl der Kirchenaustritte fast so hoch wie im Jahr 2010, als der Missbrauchsskandal bekannt wurde, und sie liegt deutlich höher als 2012.

Woran liegt das? Der Umgang des früheren Limburger Bischofs Tebartz-van Elst mit Geld und mit Gläubigen dürfte einer der wichtigsten Gründe für Katholiken gewesen sein, ihre Mitgliedschaft zu kündigen. Meistens geht diesem Schritt ein langer Entfremdungsprozess voraus, am Ende reicht ein Groß-Skandal, um offiziell zu erklären: Das ist nicht mehr mein Verein, auch wenn der große Vorsitzende ganz nett ist. Manchmal gibt aber auch der Skandal im Kleinen den Anstoß: die unsensible Beerdigungsfeier der Mutter mit einem Priester, der nicht einmal den Namen richtig aussprach. Oder der nicht erfüllte Patenwunsch bei der Taufe des jüngsten Enkels.

Ein weiterer Grund für den sprunghaften Anstieg im vergangenen Jahr dürfte der geänderte Modus zum Einzug der Kirchensteuer auf Kapitalertragssteuer sein. Schon bisher musste, wer einer Kirche angehört, auf Kapitalerträge Kirchensteuer zahlen. Die Banken überwiesen den Betrag jedoch nicht automatisch wie die staatliche Steuer ans Finanzamt. Vom 1. Januar 2015 soll sich das ändern. Die Geldinstitute fragen deshalb seit vielen Monaten nach der Konfessionszugehörigkeit. Das sieht für viele Kunden so aus, als sei die Gier der Kirche unstillbar. Es ist keine neue Steuer, versichern die Kirchen. Doch sie können sich mit Beteuerungen und Broschüren kaum durchsetzen, weder am Bankschalter noch in der Öffentlichkeit.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, vermeidet es in seinem kurzen Statement zur Statistik, innerkirchliche Ursachenforschung zu betreiben. Weder weist er einzelnen Amtsbrüdern Schuld zu noch den Medien. Von "schmerzlichen Zahlen" spricht er, vom gesellschaftlichen Umbruch, von der Freiheit, sich gegen die Zugehörigkeit zur Kirche zu entscheiden. "Viele wollen – auf ihre eigene Art – Christen blieben", sagt er.

Die jüngste Mitgliederbefragung der evangelischen Kirche lässt allerdings auf das Gegenteil schließen: Wer heute die Kirche verlässt, ruft auch nicht im stillen Kämmerlein nach Gottvater, Gottsohn oder dem Heiligen Geist.

Tapfer wie Erzbischof Marx zu versichern, die Statistik sei ein "hilfreicher Weckruf", grenzt an Selbsthypnose, das ewige Mantra vom "Vertrauen schaffen" tönt wie eine Klangschale mit Riss. Die eigentlich schmerzliche Erkenntnis für beide Kirchen lautet: Wer heute den Sinn des Lebens sucht, sucht gar nicht mehr Gott, geschweige denn die Gottverwalter.   

Die Mitgliederzahlen beider Kirchen werden weiter schrumpfen, das ist jenseits der Durchhalteparolen allen Amtsträgern klar. Der Papst verordnet zwar auch seinen deutschen Hirten die Evangelisierung, in der Praxis werden Bischöfe von einer Mischung aus Vermögens- und Verlustmanagement absorbiert. Das Bistum Limburg, bis vor Kurzem nicht für eine redliche Veröffentlichung von Zahlen bekannt, hat ebenfalls am Freitag erstmals seine Vermögensverhältnisse offengelegt.  Zur Zahl der Gläubigen heißt es nüchtern in dem Bericht: "Bereits im Jahr 2012 war die Katholikenzahl von 955.486 im Jahr 1976 auf 648.570 gesunken. Dies entspricht einem Rückgang um 32 Prozent in einem Zeitraum von knapp 40 Jahren." Bis 2050 werde sich diese aktuelle Zahl in etwa halbiert haben, ganz ohne Bauskandal.

Selbst Stuttgarts Bischof Gebhard Fürst, der zum liberalen Flügel des hohen Klerus zählt, sieht kein Ende des freien Falls in seiner Diözese. Die Austrittszahlen in seinem Gebiet seien bis Mitte 2014 schon so hoch wie im ganzen Jahr 2012, sagt er in dieser Woche. Nicht einmal Kölns Erzbischof Joachim Kardinal Meisner konnte mit seiner verbalen Kraftmeierei die Gläubigen binden. Köln überschreitet zwar als einzige Diözese die Zwei-Millionen-Grenze, ist aber mit 17.000 Austritten nicht mehr die vitale Hauptstadt des Katholizismus. Immerhin: Die weltliche Hauptstadt Berlin meldet steigende Katholikenzahlen, 6.000 mehr als im Vorjahr – allerdings stiegen auch die Austritte von 5.000 auf 6.600.