Eine Frau erhält die überraschende Diagnose, dass sie an Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium erkrankt ist. Eine Leidenszeit mit Chemotherapie, Bestrahlung und OP steht ihr bevor. Ihr Mann bekleidet ein hohes öffentliches Amt. Die älteste Tochter starb bereits als junge Frau an Leukämie – schon damals wurde der Glaube an Gott in der Familie auf eine harte Probe gestellt. Nach dem erneuten Schicksalsschlag entschließt sich der Ehemann nun, sein Spitzenamt aufzugeben, um sich fortan intensiv der seelischen Betreuung seiner Frau zu widmen. Bis zum bitteren Ende, wenn es sein muss. Auch wenn dieses selbstbestimmt sein sollte, in Form eines Schweizer Giftcocktails. Im letzten Akt soll die Liebe triumphieren, als die untrügliche Impulsgeberin des Gewissens. Wenn es hart auf hart kommt, setzt es sich über ethische Grundsätze, Normen, Traditionen und biblische Gesetze hinweg, ohne sich dabei über Gott erheben zu wollen.

Das alles klingt so menschlich anrührend, dass man diesem Paar und seiner Liebe selbst in schlechten Tagen nur mitfühlende Sympathie entgegenbringen kann. Überdies: Die Privatsphäre dieser beiden müsste es eigentlich verbieten, eine solche existenzielle Herausforderung zu kommentieren.

Diese Meldung müsste längst ein Beben in der evangelischen Kirche erzeugt haben. Denn die Patientin heißt Anne Schneider und ist die Ehefrau des Ratsvorsitzenden der EKD. Doch Nikolaus Schneider bekommt von führenden EKD-Vertretern nur Zustimmung. Ausgerechnet jene Kirche, die sich eine hohe Diskussionskultur zugutehält, debattiert nicht angesichts der persönlichen Betroffenheit. Nikolaus und Anne Schneider haben sich entschlossen, das Private öffentlich zu machen und es damit zu einem Politikum zu erheben. Nach "Nickels" Rücktritt gab das Paar zwei große Interviews – eines davon in der letzten Ausgabe der ZEIT. Darin relativiert der oberste Kirchenmann seine Position gegenüber der Sterbehilfe, zu der er sich – in allerletzter Konsequenz – durchringen würde. Das hat er seiner Frau versprochen. Er beruft sich dabei auf eine Passage der EKD-Orientierungshilfe, die das Problem der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung thematisiert. Dort steht: "Für den Umgang mit Krankheit und Sterben hängt Entscheidendes davon ab, in welchem Deutungshorizont ein Mensch dieses erlebt. Daran wird sich letztlich auch die Frage entscheiden, ob ein assistierter Suizid für ihn eine Option sein kann."

Obwohl dieser Schlusssatz des Kapitels wie so oft in Denkschriften viele Deutungsspielräume lässt, ist die evangelische Position zum selbstbestimmten Sterben eindeutig geregelt. Der Herr allein darf Leben schenken und nehmen. Wer eigenmächtig sein Leben beendet, der tritt ungerufen vor Gott. Nikolaus Schneider hat sich immer für ein Verbot der aktiven Sterbehilfe verwendet, der Rat der EKD hat unter seiner Leitung 2012 darauf gedrängt, mehr als nur die gewerbsmäßige Suizidbeihilfe unter Strafe zu stellen.

Und nun diese persönliche Kehrtwende. Markiert sie die Wende seiner Kirche? Jeder, der nach Prinzipien zu handeln versucht, weißt, dass das Leben eigene Gesetze hat. Christliche Richtlinien dienen da allenfalls als Leitfaden. Durch das Labyrinth kommt man alleine mit ihnen noch lange nicht. Für den Vorsitzenden einer orientierungsgebenden Institution gelten aber andere Maßstäbe. Wer über die Regeln der protestantischen Kirche wachen muss, kann nicht die Ausnahme selbstverständlich für sich persönlich reklamieren. Wenn er es dennoch tut, nimmt er bewusst die Verunsicherung seiner Glaubensgemeinde in Kauf.

Es war jedenfalls keine emotionale Kurzschlusshandlung, die die Schneiders dazu bewog, mit zwei prominent platzierten Interviews in der meinungsführenden Presse an die Öffentlichkeit zu treten. Sie wollten ihre eigene Kirche verstören. Schon die medial verarbeitete Leidenszeit ihrer krebskranken Tochter hat den in die Sterbezimmer verbannten Tod in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Wer sich mit der Würde des Sterbens nicht auseinandersetzt, braucht den Leuten erst gar nicht mit Menschenwürde zu kommen. Anne und Nikolaus Schneider suchten die Debatte über die kirchliche Haltung zur Sterbehilfe nun aus gegebenem traurigen Anlass. Entsprechen die kaum unterscheidbaren Positionen beider Kirchen noch dem Erfahrungswert der Menschen? Decken sie sich noch mit dem Selbstverständnis einer individualisierten Gesellschaft, in der das Leiden nicht mehr als Prüfung angesehen wird, sondern als abstellbare Zumutung? Eine Seelsorge, der heute abgenötigt wird, den Gläubigen bei der Selbstfindung statt bei der Gottsuche zu helfen, wird zusehen müssen, wie die individuelle Gewissensentscheidung kollidiert mit der grundlegenden Orientierung, die Menschen von der Kirche erwarten.

Nikolaus Schneider spielt, so grausam das hier klingen mag, zwei Gewissensentscheidungen gegeneinander aus: Die private, in der die Liebe zu seiner Frau die ethischen Maßstäbe setzt, stellt sich gegen die Gewissensentscheidung der ganzen Kirche, die den Identitätskern des Protestantismus bildet. Das ist eine Tabuverletzung. Als möglicher Sterbehelfer am Krankenbett seiner Frau kommt Schneider in das ethische Dilemma, die Grundwerte seines Glaubens zu verraten, obwohl er behauptet, sie zu teilen. Hält er dagegen an seinen theologischen Grundsätzen fest, bricht er das Liebesversprechen gegenüber seiner Frau.

Hinter der offensiven Verletzlichkeit, mit der die Schneiders sich in den Medien zu Wort meldeten, steckt ein Kalkül: Nikolaus Schneider sagt: "Ich will die Position der EKD nicht verändern, aber ich will die Diskussion." Doch die bekommt er nicht, zumindest nicht in den eigenen Reihen. Sein Vorvorgänger Wolfgang Huber, die Bischöfe Heinrich Bedford-Strohm und Ralf Meister oder namhafte Theologen wie Christoph Markschies respektieren die privaten Beweggründe des scheidenden Ratsvorsitzenden und schauen auf die Wahl des Nachfolgers. Einer theologischen Diskussion stellen sie sich erst einmal nicht. Auch Margot Käßmann hält sich auffallend bedeckt.

Das Allzweckargument zieht nicht, das protestantische Gewissen komme nur in der Mehrzahl vor und das Ringen zweier Gewissenssysteme mache erst den guten Christen aus. Eine Religion, die die individuelle Befindlichkeit zum Gewissensmaßstab erklärt, könnte sich selbst abschaffen. Der Verdacht, dass man es bald nur noch mit einer "Anything goes"-Konfession zu tun zu hat, in der jeder seinem Privatgewissen folgt, drängt sich auf. Niemand hat das Recht, die Pläne des Ehepaars zu diskreditieren. Aber eine Konfession, die sich stets auf ihren Mut berief, sollte sich jetzt nicht wegducken.